Sind wir zu schnell oder haben wir noch nie versucht langsam zu sein – Gedanken über ein Tempolimit

Ich möchte an dieser Stelle einmal ein Thema aufgreifen, was sicherlich stark polarisiert und in Deutschland scheinbar ein absolutes Tabuthema ist: das Tempolimit.

Anlass war für mich ein Besuch in den USA und die dortigen Fahrgewohnheiten. Nach diesem Besuch stelle ich mir die Frage, würde uns nicht eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen gut tun?

Ein Hinweis in eigener Sache: Auch ich fahre gerne schnell und mein Auto hört erst (abgeregelt) bei 250km/h auf zu beschleunigen. Ich fahre regelmäßig Strecken, die aufgrund ihrer Struktur Höchstgeschwindigkeiten – zumindest am Abend – zulassen. Ich nutze die Chancen dazu auch fast immer (noch)…

In fast jedem Land der Welt (außer Afghanistan, Bhutan, Haiti, Nepal und Somalia) gibt es ein Tempolimit. Und auch in diesen Ländern werden KW-starke Autos verkauft und gerne gefahren. In den USA zählen Hubraum und PS – die Menschen dort stellen dies auch gerne zur Show. Aber auf den Highways und Interstate Highways wird diszipliniert und relativ langsam gefahren.

Als ich im vergangenen Monat in Washington D.C. gelandet bin und mich mit meinem Mietwagen in den fließenden Verkehr Richtung Ocean City eingeordnet habe, fiel mir direkt auf, wie problemlos und zügig der Verkehr rollte. Und dies zur Rush-Hour. Kein Drängeln und Drücken auf den fünf Fahrspuren. Ich hatte genügend Zeit mich zu orientieren und an die doch ungewohnte Umgebung zu gewöhnen. Schon alleine die riesigen Trucks flössen einem gehörigen Respekt ein. Auf allen Spuren wurde zügig gefahren (es darf auch links überholt werden). Das Tempolimit auf dem Highway 50 betrug zwischen 55 und 85 mph, das entspricht rund 90 bis 135 km/h.

Auch Gigaliner sind in den USA problemlos unterwegs

Auch Gigaliner sind in den USA problemlos unterwegs

Schnell habe ich mich an die „Langsamkeit“ gewöhnt und konnte die Fahrt genießen. An einigen Stellen gab es kleinere Staus, aber auch hier wurde mit extremer Rücksicht und Gelassenheit gefahren. Kein Drängeln und unnötiger Spurwechsel, keine Aufregung. Nach noch nicht einmal 2 ½ Stunden hatte ich die gut 240 km bewältigt und konnte meine Füße in den Ozean stecken, entspannt und ausgeruht.

Share the road-Schild zum Schutz der Fahradfahrer in Amerika

In den folgenden Tagen war ich häufig mit dem Auto oder dem Fahrrad (ich bin ja Triathlet und für einen Wettkampf in die USA geflogen) auf den Highways unterwegs. Auch dort fiel die Rücksichtnahme auf die anderen Verkehrsteilnehmer extrem auf. An Kreuzungen regelt sich der Verkehr von selbst. Stop-Schilder an allen vier Einmündungen zwingen die Verkehrsteilnehmer zur Absprache untereinander. Wenn ich dabei an unseren alltäglichen Berufsverkehr denke und wie oft ich an einer Kreuzung warten muss, damit ich mich in den fließenden Verkehr einordnen kann…

Auch in Washington– sicherlich eine hektische Stadt – wurde defensiv gefahren. Die Menschen dort regen sich einfach nicht auf, auch wenn sie aufgrund von Baustellen, Umleitungen und Ladevorgängen jeden Grund dazu haben. An allen Kreuzungen und Übergängen weisen Schilder den Autofahrer darauf hin, dass er auf Fußgänger Rücksicht nehmen muss und diese Vorrang haben (im Gesetz dort verankert und mit hohen Geldbußen belegt). Auch auf Radfahrer muss und wird Rücksicht genommen. Hupen oder Beschimpfungen wie hier in unserem freien Land gibt es dort gar nicht oder nur ganz, ganz selten (da habe ich dann aber auch etwas falsch gemacht…).

Man gewöhnt sich sehr schnell an diese Art der Langsamkeit und Gelassenheit. Der Ehrgeiz, die ermittelte Ankunftszeit auf dem Navigationsgerät deutlich zu unterbieten ☺, hält sich nicht nur in Grenzen, er verschwindet vollständig. Vielmehr plant man die Reisezeit realistischer, nimmt sich auch noch die Zeit einen Kaffee für die Fahrt zu kaufen, stellt einen schönen Musiksender am Radio ein und genießt die Fahrt und die unglaubliche Landschaft.

Entspanntes Fahren in atemberaubender Landschaft

Entspanntes Fahren in atemberaubender Landschaft

Zurück in Deutschland musste ich schon auf der Fahrt vom Flughafen feststellen, hier geht es um Vorfahrt und Geschwindigkeit. Im ersten Moment habe ich es richtig mit der Angst zu tun bekommen. Ich war einfach zu langsam und zu rücksichtsvoll. Ich blieb im Verkehr auf der rechten Spur hängen.

Die Lichthupe eines Golf GTI hat mir schnell klar gemacht, dass ich doch gefälligst auf meiner Spur bleiben soll und nicht so einfach bei Tempo 140 wechseln kann. Lieber sollte ich mich hinter dem vorausfahrenden LKW stark einbremsen und auf eine andere Chance warten. Als ich nach knapp 60 km zu Hause angekommen war, musste ich feststellen, dass ich doch ziemlich angespannt war.

Sicherlich, nach einigen Tagen habe ich mich wieder an unsere Art des Verkehrs gewöhnt, fahre wieder schnell und rege mich über die langsamen Autofahrer auf.

In den letzten Wochen bin ich auf rund 2.000 km (ich fahre wöchentlich immer dieselbe Strecke von rund 200 km von Wiesbaden nach Düsseldorf auf der A3) mal etwas ruhiger gefahren. Habe bei rund 150 km/h aufgehört das Gaspedal durchzutreten und mich auch im Stau auf einer Fahrspur aufgehalten. Das Ergebnis hat mich selber überrascht: Für die 200 km habe ich weniger als 10 Minuten länger gebraucht, aber mein Auto hat rund 2 Liter weniger Diesel auf 100 km benötigt.

Ich bin sicher, wir würden in unserem Freiheitsdrang durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung nicht eingeschränkt, würden dabei noch Geld sparen, der Umwelt etwas Gutes tun und keinen unnötigen Stress aufbauen.

Ach ja, ich würde deshalb auch kein anderes Auto fahren. Die Sorge der Politiker für unsere Automobilindustrie ist meiner Meinung nach unbegründet. Das bestätigt alleine die Tatsache, dass diese Unternehmen beispielsweise in den USA die KW- und Hubraum-stärksten Varianten verkaufen. Ich könnte mit einer Begrenzung – beispielsweis auf 130 km/h auf deutschen Autobahnen – gut leben.

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