Frühling! Endlich Frühling – Zeit für die Motorradanmeldung anno 1950

Frühling 1950: Bernd hat im letzten Herbst seinen 18. gefeiert und will im Sommer sein Abitur bauen.

Nach einer – nennen wir es beim Namen – sehr überschaubaren Prüfung bekommt er aber zunächst seinen vom Patenonkel spendierten Führerschein, jetzt darf er Auto und Motorrad fahren.

Toll, welch ein Frühling, welche Freude, welche Freiheit!

Tja, wie so oft bei der Freiheit, findet sie leider auch hier eher theoretisch statt. So gerne würde er jetzt mit Hannelore aus der Neutorstraße durch blühende Landschaften in den Sonnenuntergang brausen…, es bleibt beim Träumen, er hat zwar jetzt das Recht, ein Motorrad zu fahren, es mangelt ihm jedoch am Motorrad selbst.

Die meisten alten Maschinen sind im Krieg vergangen, und der Markt ist leergefegt.

Die neuen Motorräder sind unbezahlbar, so eine 100er Adler, das wäre was, leicht, niedrig, mit fast 4 PS sehr stark und mit 70 km Spitze auch ziemlich flott, aber sie kostet in schickem Rot volle Eintausend Mark, so ungefähr ein Drittel des deutschen Durchschnittsjahreseinkommens.

Adler M100

Keine Chance, da mal dranzukommen … einer seiner Lehrer hat eine NSU Quick, eine solide Vorkriegskonstruktion, zwar nur 3 PS, aber gute 50 schafft die auch! „Da stand doch bei Onkel Fritz noch eine im Schuppen“. Also mal hingeradelt, aber welch Enttäuschung – da ist wohl nicht viel von übrig…

NSU Quick

Also weiter nachgedacht: „Richtig, Onkel Erich, der im Krieg geblieben ist… die Tante Christel hatte doch von der DKW erzählt, die er im Schuppen versteckt hatte…. und voila, da steht sie noch, echt alt ist sie…!“

DKW E200

Aber kurz den Kickstarter getreten, der Motor dreht, dann kann nicht viel schiefgehen, die DKWs waren unheimlich solide. Und 4 PS versprachen auch hier echte 70 km/h! Gebläsegekühlt, damit ging auch Langstrecke und hat zwar noch einen Keilriemen, aber immerhin vorne und hinten eine Bremse.

Also raus damit aus dem Schuppen, geputzt und schnell zu den Raiffeisendienst Versicherungsgesellschaften zum freundlichen Herr Neumann. Der zeigt ihm im Tarif von 1949 anhand der Nutzung einer hochkomplexen Tabelle, was ihn die Versicherung der DKW kostet.

Mal schauen: bis 200 ccm, niedrige Deckung… fein, die 33 DM sind drin, da geht er ein paar Tage Holz machen, dann ist das auch bezahlt. Da es ein für alle Versicherungen einheitlicher Tarif ist, kann man woanders auch nicht sparen…

Übersicht aus "Einheitstarif für Kraftfahrt-Versicherungen Ausgabe im April 1949"

Übersicht aus „Einheitstarif für Kraftfahrt-Versicherungen Ausgabe im April 1949“

Na, dann übergibt ihm der nette Herr Neumann auch eine Bestätigung von der Versicherung und auf der Zulassungsstelle bekommt er ein schickes Schild.

Nummernschild

Und jetzt schnell zu Hannelore und mit ihr raus in den Frühling!

Was noch fehlt?

Ein paar Tage später flugs noch bei Herrn Neumann unterschreiben und bald wird der Vertrag vom Briefträger gebracht… und alles ist in Butter.

P.S.
Heutzutage beschäftigen sich viele Mathematiker damit, die richtige Prämie für jedes Fahrzeug, jeden Versicherungsnehmer und jede Situation zu ermitteln – früher war doch einiges einfacher…

Einheitstarif und Adler-Daten aus "Einheitstarif für Kraftfahrt-Versicherungen Ausgabe im April 1949"

Einheitstarif und Adler-Daten aus „Einheitstarif für Kraftfahrt-Versicherungen Ausgabe im April 1949“

P.P.S.
Manches ist heute allerdings schwieriger – der arme echte Bernd kann nicht brausen! Wenn jemand für die DKW E200, ab Bj. 26 ein Schaltgestänge und einen Kickstarter übrig haben sollte, bitte anbieten! 🙂

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