Vorurteile? Widerlegt! Die Chevrolet Corvette C7 Stingray im Test

Es gibt Fahrzeuge, die muss man einfach mal gefahren sein. Dazu zählt für mich die Chevrolet Corvette C7 und nun wird es Zeit, Vorurteile einmal zu überprüfen, denn ich hatte Vorurteile dem Fahrzeug gegenüber.

Was für typische Vorurteile gibt es denn bei amerikanischen Fahrzeugen? Die Fahrzeuge sind generell doch alle billig verarbeitet, können nur gut geradeaus fahren, das Fahrwerk zu weich, die Lenkung indirekt und der Kraftstoffverbrauch ist sowieso viel zu hoch!

Ich gestehe: Ich bin mal mit einem Dodge Charger gefahren, ein Modell aus dem Jahre 1970 und den kann man meiner Meinung nach wirklich nur gut geradeaus fahren. Also, schauen wir uns die akutelle Chevrolet Corvette doch einmal genauer an:

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Wir fahren hier eine Corvette Stingray, ja das neue Modell bekommt auch wieder einen Retro-Beinamen. Stingray? Stechrochen und die Optik der Corvette sticht doch nun wirklich ins Auge, oder?

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Fast alles was man hier sieht, besteht aus Kunststoff, Carbon, Glas oder Aluminium. Und was findet man unter der langen Motorhaube?

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Einen 6.2 Liter V8 mit Zylinderabschaltung und Trockensumpfschmierung. Ja, heute müssen wir etwas technischer werden, denn trotz dem emotionalen Fahrzeug und meiner persönlichen Geschichte, rücken hier auch technische Themen in den Vordergrund, denn neben der Zylinderabschaltung und der Trockensumpfschmierung möchte ich auch noch auf das Active-Rev-Matching eingehen.

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Fangen wir an mit der Trockensumpfschmierung:

Der Ölfilm darf nicht abreissen, denn schließlich muss der Motor gut geschmiert sein. Bei Sportfahrzeugen setzt man auf eine Trockensumpfschmierung, da ansonsten in sportlich durchfahrenen Kurven das Öl in der Ölwanne – durch die Zentrifugalkraft – zur Seite gepresst wird und ggf. nicht mehr angesaugt werden kann. Bei der Trockensumpfschmierung – die bei der Corvette verbaut ist – wird das zurückfließende Öl (eine Ölwanne gibt es natürlich weiterhin) abgesaugt und in einen Ölvorratsbehälter befördert. Von dort wird der Schmierstoff, der übrigens auch abdichtet und kühlt, abgepumpt und  durch den Ölfilter zu den jeweiligen Schmierstellen geschickt.

Weitere Vorteile einer Trockensumpfschmierung: Durch die flachere Ölwanne verringert sich die Bauform und die Bauhöhe des Motors und somit wird auch der Schwerpunkt des Fahrzeuges verändert. Da der Ölvorratsbehälter nicht direkt mit dem Motorblock verbunden ist, wird das Öl in der Regel auch besser gekühlt.

So viele Vorteile? Wo liegen denn die Nachteile? Die Trockensumpfschmierung ist – wen verwundert es – teurer als die herkömmliche Umlaufschmierung und kommt daher nur in Sportwagen, einigen Geländefahrzeugen und Motorrädern zum Einsatz.

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Active-Rev-Was? Active-Rev-Matching! So nennt man die zuschaltbare Funktion, dass die Corvette selbstständig Zwischengas gibt und somit beim Herunterschalten den Gangwechsel nahtlos ermöglicht. Geschaltet wird in unserer Corvette C7 nämlich über ein manuelles 7-Gang Getriebe (alternativ gibt es auch eine 6-Stufen Automatik).

Die Schaltwege sind kurz und knackig, manchmal auch etwas hakelig und die letzten Gänge dienen nicht ausschließlich dem sportlichen Vorankommen, sondern vor allem der Effizienz. Eine 6.2 Liter Corvette kann man auch sparsam fahren, dafür verfügt das Fahrzeug über die bereits abgesprochene Zylinderabschaltung.

Der Small Block V8 der Corvette C7 (Bezeichnung LT1-V8) ist ein Direkteinspritzer. Dadurch lässt sich die höhere Verdichtung von 11,5:1 realisieren, doch nicht nur die Direkteinspritzung ist neu. AFM nennt Chevrolet die aktive Zylinderabschaltung, welche bei niedrigen Lastsituationen 4 Zylinder stilllegt.

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In der Stadt, vor der Haustür, in der Tempo 30 Zone, vor dem Kindergarten wird die Corvette zum 4-Zylinder, sparsamer und ruhiger und ganz nebenbei hält die neue Corvette somit auch die Emissionsvorschriften ein, denn da müssen die Automobilhersteller ja auch ein Auge drauf haben.

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Wer nun denkt, dass die Corvette nur in der Stadt auf 4 Pötten läuft, der irrt. Auch auf der Autobahn – wenn man es mal ruhiger angehen lassen möchte – dient diese Technik zum Spritsparen und so kann man auf unter 10 Liter kommen, bei meinen Testfahrten (ca. 500 km) lag ich knapp über 15 Liter auf 100 km. Klar gibt es sparsamere Fahrzeuge, doch bieten die auch soviel Fahrspaß?

Wenn die Chevrolet Corvette von 4 auf 8 Zylinder umschaltet, dann merkt der Fahrer das durch einen etwas unruhigeren Lauf bzw. durch den einsetzen Klang. Fährt man im Sport-Modus, dann öffnen sich auch die Klappen der Auspuffanlage und die Corvette rotzt, brüllt, bollert, poltert, macht Gänsehaut, spielt die Symphonie der Spritvernichtung, erzeugt einen Klang der durch Mark und Bein geht… liest sich wie eine Liebeserklärung, oder? Ist es auch!

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Der Klang ist so wundervoll und für diejenigen, die den nicht haben wollen? Der Klang ist abschaltbar! Wie damals bei Löwenzahn! Abschalten! Das funktioniert entweder über die Auswahl der Fahrprogramme oder per Tastendruck über das Infotainmentsystem, denn dort lässt sich der Motor-Sound auch individuell einstellen.

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Genug der Technik, werfen wir gemeinsam einen Blick in den Innenraum. Wie war das noch mal mit dem Vorurteil? Amerikanische Fahrzeuge sind billig verarbeitet?

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Das Vorurteil kann ich hiermit wiederlegen, denn von der Optik und von der Haptik zeigt sich die aktuelle Chevrolet Corvette hochwertig verarbeitet. Auf den sportlich kontierten Sitzen finde ich schnell eine ideale Sitzposition und auch größere Personen (bis 1,85m) finden bequem Platz.

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Das axial und vertikal verstellbare 36er Lenkrad liegt gut in der Hand und wenn ich einen Kritikpunkt hätte, dann wäre es der Druckpunkt des Displays vom Infotainmentsystem, denn der Touchscreen braucht es ab und zu etwas härter. Der Bose-Sound ist ausreichend, kann es aber nicht im geringsten mit dem krawalligen Sound von Motor und Abgasanlage aufnehmen.

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Weitere Vorurteile? Mit einem amerikanischen Fahrzeug kann man nur geradeaus fahren? Nun gut, früher. Damals.

Da war das so, heute sind die Fahrzeuge auch für europäische Straßenverhältnisse abgestimmt, zumindest bei den Fahrzeugen die auch auf unseren Markt kommen. Bei der Chevrolet Corvette ist das so. Die Lenkung? Direkt! Die Rückmeldung? Perfekt! Das Fahrwerk? Sportlich straff und alles lässt sich per Knopfdruck einstellen. Der Fahrer hat die Wahl zwischen Eco, Tour, Sport, Track und Weather und je nach Einstellung werden die Kennlinien sowie die ESP-Einstellung verändert.

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Ganz besonders sportliche Corvette-Fahrer dürfen das ESP auch abschalten. Ein elektronisches Sperrdifferenzial sorgt (mit einer Sperrwirkung von bis zu 100%) für eine gute Traktion in fast allen Lebenslagen. Ein Launch-Start wie bei der Formel 1 ist möglich, aus dem dumpfen V8-Bollern, wird dann ein Brüllen und die Corvette beschleunigt innerhalb von 4,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h.

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Der Vortrieb endet erst – nachdem man sich durch das 7-Gänge Menü geschaltet hat – bei 290 km/h.

Dafür, dass der Fahrer den Blick dort behält wo er hingehört, sorgt ein HUD – also ein Head Up Display – , welches wichtige Informationen (Geschwindigkeit, Navigationshinweise, Gangwahl, Drehzahl…) in die Frontscheibe projiziert.

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Provozieren lassen sollte man sich nicht von anderen Verkehrsteilnehmern. Viele wollen mal so eine Corvette in Aktion erleben und ich kann euch sagen, dass man der Führerscheinabgabe näher kommt, als einem 3er im Lotto.

Die Corvette ist ein Traumfahrzeug und während die Preisangabe bei anderen Sportfahrzeugen schnell die Traumblase zerplatzen lassen, fängt man hier an zu grübeln: Ab 69.990 Euro!

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Wahnsinn, dafür bekommt man einen reinrassigen Sportwagen mit 2 Sitzplätzen, etwas Platz im Kofferraum (ca. 280 Liter wenn das Targa Dach dort nicht den Platz versperrt) und einem Mörderklang.

Wer übrigens denkt, dass so eine Corvette möglicherweise einen schlechten Ruf hat, der sollte mal 1-2 Tage mit dem Fahrzeug fahren: Winkende Kinder, sich freuende Mütter, Daumen-hoch zeigende Männer und selbst Porsche 911-Fahrer zeigen sich interessiert und wollen – zunächst kurzzeitig – das Auto tauschen.

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Es wird also mal Zeit, alte Vorurteile über Bord zu werfen – günstiger kann man a) nicht so sportlich und b) auch nicht so gut ausgestattet fahren, denn natürlich verfügt die Chevrolet Corvette auch über zahlreiche Sicherheitsfeatures und Ausstattungsmerkmale, die ich hier nun wahrlich nicht mehr detailliert aufführen muss.

Liebe auf den ersten Klick? Definitiv!

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