Jeder weiß, wo er war, als die Mauer fiel…

09.11.1989, so um Mitternacht, in einer Universitätsstadt irgendwo mitten in Frankreich: Student F. (Name der Redaktion bekannt) kehrt etwas ermattet von der intensiven Pflege internationaler Kontakte aus einer Bar in sein Studentenwohnheim zurück…

Der Concierge am Empfang winkt aufgeregt und ruft „eh, mon gars, le mur est tombé, le mur est tombé!“ (Hey, Mensch, die Mauer ist gefallen, die Mauer ist gefallen!“).

Der gars rennt in den Fernsehraum des Wohnheims, schaltet ein und ist fassungslos, die Mauer ist tatsächlich gefallen, in Berlin, in ganz Deutschland ist die Hölle los!

Und das ist es dann auch in besagtem Wohnheim, denn sofort wurde jeder wachgemacht und alle möglichen Nationalitäten versammelten sich fassungslos, fasziniert, euphorisch vor dem Bildschirm und schauten die ganze Nacht durch, was sich in der Heimat abspielte. Mit dabei: Ostautos, die sich an den Grenzübergängen stauten.

Berlin_Grenzübergang

Und so ging es die nächsten Tage weiter: das Weltbild unseres bisherigen Lebens wurde umgekrempelt. Es herrschte eine Mischung aus Freude und Skepsis, ob das alles gut ausginge – und den meisten Freunden und Bekannten aus Frankreich, den Staaten, England war das Ganze überhaupt nicht geheuer!

6 Wochen später, Weihnachtsferien, ab ins Auto, auf den Weg nach Hause und schauen, wie die Lage ist: F. setzt einen Kumpel in Trier ab und staunt: Fein, eine Borgward-Oldtimerrallye – und das direkt vor Weihnachten? Aber das ist doch eher unüblich, dazu sind die Isabella Coupes geschrumpft, die kleinen Lloyds haben Heckflossen, und alle eine Zweitaktfahne? Die Irritation währt nur kurz. Dann natürlich war unser F. einfach schlecht vorbereitet; keine Oldtimer, sondern Trabbis, Wartburgs, Skodas und sonstige Exoten (für den Wessi!) nahmen die Straßen unter die Räder, und das auch in diesem Winkel Deutschlands, der so weit vom früheren Todesstreifen entfernt war. Und natürlich hatte F. diese Fahrzeuge zigfach nur im Fernsehen gesehen, aber nun waren sie tatsächlich da, und zwar ziemlich viele! Und was waren das für tolle Kisten…

Auf dem Gebiet der DDR lagen vor dem zweiten Weltkrieg die früheren Autohochburgen Eisenach mit Dixi, dann BMW und vor allem Zschopau, Zwickau und Chemnitz mit den Marken der Auto-Union (Audi, DKW, Horch, Wanderer). Nach 1945 wanderte vieles an Werkzeuge und Maschinen nach Russland, man musste auch hier ziemlich vorne neu anfangen, erhalten geblieben war glücklicherweise eine Menge Know-How! Gebaut wurden somit zunächst die Vorkriegskonstruktionen in den Resten der alten Fabriken, an anderes konnte man nur denken, mehr ging nicht.

Der Trabbi lief in Zwickau vom Band, nachdem der Bau von IFA 8 und IFA 9 (eine DKW-Vorkriegskonstruktion und ihre Weiterentwicklung) sowie des Zwischenmodells P70 dort eingestellt waren. Er galt dabei zumindest bei seiner Vorstellung im Jahr 1957 – der Mini wurde gerade konzipiert, der R4 kam etwas später, Käfer und 2CV waren schon länger unterwegs – mit seiner fortschrittlichen Kunststoffkarosserie („Rennpappe“) als relativ modernes Konzept für einen kleinen vollwertigen Viersitzer. In der Folge wurde er jedoch nur gaaaanz langsam weiterentwickelt, beim zweitaktenden Zweizylinder tat sich besonders wenig.

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Die schicken Heckflösschen behielt er bis zum Ende, er war bis 1989 das Auto der werktätigen Massen der DDR, die Lieferzeiten von bis zu 10 Jahren waren mit dem Fall der Mauer sofort Geschichte, trotz eines dann ab 1990 kurzzeitig verfügbaren Modells mit VW-Viertaktmotoren kam niemand mehr auf die Idee, sich einen zuzulegen. Aber Chapeau: Insgesamt kam der Trabbi in seinen verschiedenen Serien bis zum Produktionsende 1991 auf weit über 3 Millionen Exemplare!

Wartburg war die zweite große Autmarke der DDR.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde in Eisenach, wo Dixi schon 1900 Wagen herstellte und seit den Zwanzigern dann BMW-Autos produziert wurden, in den Resten dieser Fabrik im VEB Eisenacher Motorenwerke zunächst die Herstellung der schicken BMW-Vorkriegs-Sechszylinder (wie auch der Einzylinder-BMW-Motorräder) als EMW in Angriff genommen.

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Diese tollen Wagen gingen natürlich am eigentlichen Bedarf der jungen DDR vorbei: zu teuer, zu stark, zu aufwendig. Sinnvoller war es sicher, die DKW-Folgekonstruktion IFA 9 mit dem Dreizylinder-Zweitakter weiterzuentwickeln – und das gelang gut, bis Mitte der 60er Jahre waren die Wartburgs elegante wie auch den Westfabrikaten ziemlich ebenbürtige Autos.

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Die Eleganz (ich weiß, Geschmackssache…) verloren sie in den Sechzigern mit einer modernen Pontonkarosserie. Der erst Ende der 80er auch durch den 1,1l-VW-Motor abgelöste Zweitakter war zwar solide, aber blieb eben erkennbar eine Vorkriegskonstruktion.

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Der Barkas, ab 1960 auf dem „Markt“, basierte ebenfalls auf einer alten DKW-Konstruktion und stellte die Grundlage für alle möglichen Nutzfahrzeuge dar wie Kleinbusse, Lieferwagen, Mannschaftswagen von Polizei, Feuerwehr etc. Auch der Barkas war seit den 1970ern den Westprodukten unterlegen, nach immerhin 175.000 Stück war hier im Jahr 1991 Produktionsende. Schaut Euch diese tolle Fotogalerie an, die Vielfalt ist beeindruckend.

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Ansonsten tummelten sich in den ersten Nachwende-Jahren noch reichlich andere Objekte auf den Straßen: Ladas 1200 (Fiat124-Nachbau), Polski-Fiats, Skoda 1000 Mb, die Dacias und Barkas-Busse etc. Hier mehr zum Schauen!

In der Folge war der Schwund der Ostblockautos auf den Straßen beträchtlich: Fast alle der Konsumentwöhnten wollten Westautos – und bekamen sie!

2014, 25 Jahre später:

Der Bestand an zugelassenen Trabis hat sich dramatisch verringert: von ca. 920.000 Wagen im Jahr 1993 auf 32.000 im Jahr 2014. Zuweilen fährt ein Trabi durch unser Dorf, ein paar junge Liebhaber in der Gegend pflegen die coolen alten Kisten und ich freu mich dran – sie zu sehen, gibt mir ein gutes Gefühl.

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Trabi Tramp: Ein ganz seltener Vogel!

Bei den Wartburgs sieht es noch schlechter aus, von den über 1.600.000 hergestellten Exemplaren sind nur noch gut 7.000 zugelassen.

Aufgrund der äußerst geringen Schadenhäufigkeit gehören sowohl der Trabant als auch der Wartburg zu den Pkw mit den niedrigsten Versicherungsprämien, alle eingestuft in die günstigste Typklasse 10 für Haftpflicht- und Kasko – ein günstiger Einstieg ins Oldtimerhobby!

Und es gibt viele, die sich kümmern: http://www.die-besten.de/wartburg/homepage1024x768.htm

Ansonsten:

Blühende Landschaften? Na ja, teilweise schon! Und damals unvorstellbar, so ist es heute Normalität, dass „Wessis und Ossis“ zusammen arbeiten, auch bei R+V24 läuft das klasse. Welch ein Fest.

Über die evangelische Kirchengemeinde in meinem Heimatort gab es ab 1982 am Plattensee regelmäßige – vor den DDR-Behörden nach Möglichkeit geheimgehaltene – Ost-West-Begegnungen Jugendlicher mit einer Partnergemeinde in Hoyerswerda, dazu kamen dann auch „inoffizielle“ (die Stasi wußte natürlich Bescheid, bei der Einreise wurde man schon dementsprechend „willkommen geheißen“) Besuche von Kleingruppen in der Lausitz. Hieraus entstanden über die Mauer hinweg tiefe Freundschaften, Patenschaften für Kinder und viele andere enge Bande, die noch heute halten. Welch ein Fest.

Und am vergangenen Wochenende besuchte uns zum 25. Jahrestag des Mauerfalls eine große Gruppe der alten Freunde aus Sachsen. Welch ein Fest.

Ich freu mich.

 

Bildquellen:

Grenzübergang Berlin: Wikimedia – Lochmann, Hans Peter
EMW 340: Wikimedia – Harald Spiegel
Wartburg 311: Wikimedia – Dr.struppi
Barkas Framo: Wikimedia – Felox O

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