Irrwege der mobilen Evolution – Das Einspurauto

Motorräder gibt es ähnlich lange wie das uns gewohnte Auto mit drei oder vier Rädern. Ein Auto hat dabei verschiedene Vorteile, zum Beispiel kann man sich vor den Unbillen des Wetters geschützt von Ort zu Ort bewegen. Und wer schon einen echten Schneewinter mit dem Motorrad als alleinigem Transportmittel oder 12 Stunden in strömendem Regen am Stück durchgefahren hat, der weiß, dass es Tage gibt, wo man sich eine vernünftige Umhüllung doch ganz gut vorstellen könnte…

Was liegt näher, als Motorräder so zu verkleiden, dass man die Vorteile der Leichtigkeit, Spritzigkeit und herrlichen einspurigen Labilität mit einem ernstzunehmenden Wetterschutz und Standfestigkeit im Ruhezustand kombiniert?

Damit war das Einspurauto in den Köpfen, und alles, was dort ist, muss geschaffen werden…und es wurde ausprobiert, hier eine Auswahl über einige der zuweilen sehr schrägen Ergebnisse:

Der erste Anlauf trug prompt den Namen des biblischen Monsters „Behemoth“.

Behemoth - Ausschnitt aus Wikimedia

Das Fahrzeug Behemoth wurde im Jahr 1913 in den USA gebaut, wo alles größer ist als im Rest der Welt. Schon der Name war größer als woanders: „Scripps Booth Bi-Autogo Behemoth“ aus Detroit ging in die Vollen, dieses erste „Einspurauto“ wog ca. 1.500 kg und trug einen mächtigen 5 l-Motor hinter dem Vorderrad – und ausgerechnet dieses Ding war das erste Auto mit dem später typischen Ami-V8-Motor.

Der Name Behemoth ruft zwar keine Assoziationen zu Spritzigkeit oder Eleganz hervor, zu dem Monster passte er jedoch hervorragend. Erstaunlicherweise (?) ging es nie in die Großserie, sondern es blieb bei einer der Idee angemessenen Kleinstserie: 1 Exemplar.

Das klappte in Europa besser

Winkler Einspurauto

Der erste längere Versuch wurde 1920 von Gustav Winkler in Berlin gestartet:

Ein karossiertes Motorrad mit verschiedenen Ein- und Zweizylinder-Viertaktern ab 500 ccm, Kettenantrieb ans Hinterrad und zwei für die Fahrt einklappbaren Stützrädern, es verfügte über 2 Sitze hintereinander und wurde mit einer Art Lenkrad gesteuert. Der Waffenhersteller Mauser übernahm 1921 die Rechte, 1926 gingen sie zurück an Gustav Winkler.

Bis 1929 wurde zunächst in Oberndorf am Neckar, dann in Berlin mehrere hundert der flotten Fahrzeuge hergestellt, einige sind erhalten, sehenswert zum Beispiel in den Museen in Speyer, Chemnitz und Augustusburg. Auch in Frankreich wurde das Gefährt in St. Etienne als „Monotrace“ von 1925–1928 leicht modifiziert in Lizenz gebaut.

In Hamburg versuchte man sich in gleichen Gefilden und schuf von 1921 bis 1926 den Atlantic, augestattet mit einem BMW-Boxer: „das kleinste und billigste Automobil der Welt. Rassig Zuverlässig Solide

In England versuchte sich der – auch sonst Experimenten aufgeschlossene – Motorrad-Hersteller OEC von 1934 bis 1936 ebenfalls an einem Einspurauto, dem Whitwood Monocar, der auch als Dreisitzer angeboten worden sein soll (das nenne ich unerschrocken!); von den sechs Exemplaren soll eines den Weltkrieg überlebt haben…

Einspurauto - Prospekt der Firma Whitwood Monocars

In Tschechien war ab 1938 der Konstrukteur Jan Anderle ziemlich weit fortgeschritten, er baute bis weit nach dem Krieg mehrere Einspurautos, die zwar gut konstruiert aussahen, es aber nicht in die Serie schafften.

Das als Einspurauto von der Firma Bastert vermarktete Gefährt lasse ich hier nicht gelten, das war ein guter, fetter 50er-Jahre Roller – aber eben kein Auto… und der Baummsche Liegestuhl war das erste mir bekannte Motorrad mit Vollverkleidung, aber sorry, kein Auto. Sag ich mal so.

Spannend wurde es dann wieder Anfang der 1980er Jahre, als die Schweizer aktiv wurden:

Zunächst hieß es Oemil, dann Ecomobile, schließlich Monotracer.

Monotracer

Die Zutaten: Zwei Räder, eine extrem windschlüpfrige Form, ein relativ potenter Motor. Anfangs wurden große BMW-Boxer verbaut, dann die kompakten Vierzylinder der K-Serie mit bis zu 130 PS, im BMW-Getriebe wurde ein Gang zum Rückwärtsgang umgebaut. Und in den letzten Jahren wurde dazu ein e-tracer entwickelt, mit meinem Lieblingsantrieb: E-Motor! Aber alles sündhaft teuer!

Das Ergebnis: Stellt Euch einen Delphin vor, der – nicht im Wasser, sondern auf der Autobahn – an Euch vorbeigleitet… Beeindruckend hocheffizient und schnell, dazu elegant und souverän. Zweimal hatte ich bislang das Vergnügen, dass diese Fahrzeuge (dann auch noch in kleinen Rudeln) zu mehreren an mir vorbeiglitten. Es wird eins meiner Traumfahrzeuge bleiben!

Fatal – in den letzten Wochen ging die Nachricht durch die Wirtschaftspresse, dass der Hersteller des Monotracers sich in die Reihe der Vorgänger eingereiht hat, die Produktion soll stehen, die Insolvenz ist angemeldet…Folge eines Irrweges? Egal, ich hoffe, dass sie das Ding weiterbauen!

Mal sehen, wie es weitergehen wird, zunächst empfehle ich entweder die Herstellerseite von Peraves oder auf Youtube die Eingabe von „Monotracer“, und dann ein bißchen Filme schauen!

Bildquellen:

Behemoth – Wikimedia
Einspurauto – Wikimedia
Whitwood Monocar – Red Devil Motors
Monotracer – Wikimedia

 

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