Der Nissan Leaf: Im Winter-Pendler-Stress

Heute berichte ich von einem weiteren Elektroauto im Praxistest: Wie schlägt sich der Nissan Leaf im kalten Alltag?

Schon vor eineinhalb Jahren Zeit erwog ich, bei einem besonders günstigen Leasing-Angebot zuzugreifen und „Botschafter“ des Nissan Leaf der ersten Serie zu werden – eine längere Probefahrt war drin, beim besonders günstigen Leasing-Angebot zuckte ich zunächst zurück, hatte noch keine eigene Photovoltaik auf dem Dach, dann war es abgelaufen.

Das fand ich schade, denn die Probefahrt war schon beeindruckend.

Eineinhalb Jahre später, der Leaf wird schon länger in der zweiten Serie gebaut, ist er noch praktischer und besser geworden – und er ist mit Abstand das weltweit meistverkaufte Elektroauto, scheint also nicht schlechter geworden zu sein.

Neulich haben die Leafs die offizielle Ein-Milliarden-Kilometer–Marke geschafft, tatsächlich waren es wohl einige mehr, es wurden nur die Strecken von den ständig über das Netz („Carwings“) verbundenen Fahrzeuge erfasst.

Nun konnte ich ihn zwei Tage lang nutzen und einem echten Stresstest unterziehen.

Prospektausschnitt des Nissan Leaf

Betrachten wir ihn zunächst im Stand

Ein geräumiger, viertüriger 5-Sitzer, ca. Golfgröße – gefühlt aber viel luftiger, der Kofferraum ist in Ordnung, die Anmutung solide – alles in Ordnung bis sehr erfreulich.

Das Armaturenbrett gibt alles Wichtige mit. (Und ist teilweise nicht selbsterklärend – ich hasse Bedienungsanleitungen! Ich weiß leider also bis heute nicht, warum oben links in der Anzeige  immer Tannenbäume wuchsen. Werde ich dem Auto nicht negativ ankreiden, war ja auch ganz hübsch…)

Das Äußere polarisiert – mich nicht, es ist ein reines Zweckauto, und ich sitze drin, nicht draußen!

Er verfügt nur über den E-Antrieb, kein Zusatz-Verbrenner oder ähnliches, also: Die Spannung zählt!

In der Fahrt

Wie erwartet: Leise, wunderbar leise. Bei langsamer Fahrt gibt es Warntöne für die Fußgänger, ansonsten zunächst nur Reifen-, bei höherer Geschwindigkeit dann Windgeräusche. Herrlich.

Er liegt satt auf der Straße (kein Wunder bei mehr als 1.500 kg), Kurven, Beschleunigung, Bremsen – alles gut.

Die Beschleunigung beeindruckt natürlich, er kann auch über 140 km/h, wer Höchstgeschwindigkeiten oder Kick-Down-Spielchen bei E-Autos ausprobiert hat, weiß, dass sich diese im Hinblick auf die dramatisch schnell abnehmende Reichweite verbieten.

Normal- und Eco-Modus

Im Normal-Modus fährt er sich spritzig, die Rekuperation ist vernachlässigbar, es fühlt sich eher nach Freilauf an.

Beim Umschalten auf  „Eco“ wird das Temperament massiv eingeschränkt, der Motor wird etwas teigiger, aber es geht mit langsamer Beschleunigung schneller als 110 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit reicht dicke, die Beschleunigung auch, die Rekuperation dürfte für meinen Geschmack noch ein bisschen stärker sein, aber das ist reine Geschmackssache – Freund Christoph segelt auch mit dem Elektroauto lieber fast ohne Rekuperation!

Und das ist tatsächlich zweitrangig – erstrangig muss weiter sein, wie ich am effizientesten von A nach B komme: Erstens, weil die Reichweite begrenzt ist und zweitens, weil Strom, und mag er noch so umweltfreundlich produziert sein, ein kostbares Gut ist…

Und jetzt der Alltagstest

Ein Blick auf mein Lastenheft, das sich seit dem Oktober grundsätzlich nicht geändert hat…

  • 5 Sitzplätze (Familie)
  • ausreichend Platz für 4 Erwachsene  (die Kollegen)
  • 140 km sichere Reichweite (Pendler mit Sicherheitsreserve)
  • Anfügen muss ich, dass es mein Zweitwagen ist, der nicht täglich genutzt wird und zu Hause auch mal länger laden darf. Der in den letzten Jahren einmal aufgetretene Fall, dass beide Wagen der Familie weit weg bewegt werden mussten, wäre durch die MOBI-Card von Nissan aufgefangen worden. Hiermit bekommt man jährlich für zwei Wochen ein verbrennerangetriebenes Ersatzauto zum Zurücklegen längerer Strecken, die den LEAF überfordern würden.

Die beiden ersten Punkte des Lastenheftes erfüllt der LEAF, und das sehr gut, er ist komfortabel, bietet viel Platz und ist für Fahrer wie Passagiere ein sehr angenehmes Fortbewegungsmittel!

Also zum dritten Punkt, der Reichweite

Zu testen galt es, wie der Leaf meinen Bedarf nach 140 km sicherer Reichweite erfüllt und hier hatten wir gute Bedingungen für das Experiment, denn die Temperaturen lagen zwischen 0° und 5°C, und das mögen Batterien gar nicht. Eine mögliche Vorheizung habe ich nicht genutzt, denn es galt ja, den harten Alltag nachzustellen, keine guten, nicht immer so bestehenden Bedingungen zu schaffen.

Also perfekte Bedingungen für das Experiment

Wir fahren mit 3 Personen, Durchschnittsgewicht 80 kg, im Dunkeln bei Temperaturen um den Gefrierpunkt über eine Distanz von gut 100 km, die Strecke besteht hauptsächlich aus regelmäßig gut bis überfüllter Autobahn; die realistisch erzielbaren Geschwindigkeiten liegen zu den bei uns üblichen Uhrzeiten zwischen Stau und 130km/h – letzteres an ganz wenigen Stellen, manchmal, auf kurze Strecken.

Nissan Leaf lädt zu Hause

Die Kollegen der Fahrgemeinschaft sind vorgewarnt und wir machen uns morgen um 6:00 Uhr auf den Weg: Als mögliche Reichweite zeigt mir der LEAF morgens 145 km an – das sollte doch reichen!

Nissan Leaf - Reichweitenanzeige morgens

Der Hinweg läuft relativ problemlos, wie üblich quäle ich das Auto nicht, sondern versuche mich auf den freieren Abschnitten als Gleiter im Bereich von 95 – 105 km/h; fast alle überholenden Zwischensprinter um uns herum werden wir sowieso bei den folgenden langsamen Abschnitten wiedersehen!

Die Heizung läuft moderat, alle behalten die Jacken an. Nach 45 Minuten sind 50 km geschafft, wir sind in Wiesbaden angekommen, es wird eine Restreichweite von 63 km angegeben. Überschlagen wir kurz: 50 km gefahren – Strom für 82 km verbraucht.  Man kommt ins Grübeln.

Nissan Leaf - Reichweitenanzeige nach der ersten Pendelstrecke

Wie wird die Rückfahrt werden?

Es herrschen weiter optimale Bedingungen für das Experiment, das heißt, es ist weiter kalt, dunkel und feucht, dazu ist die Autobahn überfüllt, und wir stellen uns erst mal in den Stau, für die ersten 10 km benötigen wir 45 Minuten…

Die Heizung bleibt aus, die Jacken bleiben an, alle paar Minuten wird die Frontscheibe etwas freigeblasen und die Reichweite schmilzt. Sobald der Weg wieder frei ist, schaffen wir uns mit 85, 95 km/h in Richtung Heimat; die anderen sind auch nicht viel schneller, aber wir werden ständig unentspannter. Die Ansage, dass der Ladezustand der Batterie niedrig ist, wurde erwartet, kam aber leider zu früh.

Fatalerweise ist auf der kürzesten Strecke 10 km vor dem Ziel eine Steigung von gut 100 Höhenmetern zu überwinden.

Nein, das trauen wir uns mit 14 km Restreichweite nicht. Wenn wir liegen bleiben sollten, dann lieber auf der Landstraße als an einem Berg auf der Autobahn ohne Standstreifen.

Also gleiten wir über die Landstraße, der Heimatort naht und dann, kurz vor der rettenden heimatlichen Steckdose, ist die Anzeige der Restreichweite weg – nur noch Striche! Aber es klappt, nach gut eineinhalb Stunden erreichen wir das Ziel.

Wie bewerten wir das Geschehen?

Das Experiment an sich ist geglückt, wir haben einen Erkenntniszuwachs erzielt: Die Hypothese, dass der Leaf für mich ohne Zwischenladung mein Lastenheft erfüllt, wurde widerlegt.

Mit einer (nur im Winter benötigten) Zwischenladung auf der Arbeitsstelle würde der LEAF perfekt als sparsames, effizientes und komfortables Pendlerauto taugen, ohne Lademöglichkeit ist bei 100 km Fahrstrecke mit widrigen Wetter- und Verkehrsbedingungen abzuraten.

Gerade bietet Nissan bis zum Jahresende ein besonders günstiges Leasing des LEAF ohne Anzahlung an und bei einem anderen Ausgang des Experiments hätte ich mir wahrscheinlich genau dieses Auto gekauft, so überzeugend finde ich den Rest des Pakets.

Also das Richtige für Menschen, die ein neues, bequemes, modernes geräumiges Pendlerauto suchen und regelmäßig damit nur kürzere Strecken unterwegs sind oder auf der Arbeitsstelle immer laden können – dann ist es ein klarer Kauf!

Aber eine Wiederholung des Experiments brauche ich nicht…

E-Auto-Interessierte! Es besteht Hoffnung: Gerade hat Carlos Ghosn, der Chef von Renault-Nissan angekündigt, dass bald einen Reichweite von 250 Meilen/400 km mit einer Batterieladung realistisch sei.

Dann wäre alles gut.

P.S.
Gerade wurde der LEAF in den USA von den Kollegen der GreenCarReports als bester Kauf für den Durchschnittskunden empfohlen.
Ich wäre gerne ein Durchschnittskunde.

P.P.S.
Der Nissan Leaf wurde uns dankenswerterweise vom Autohaus Grünewald in Weiler bei Bingen zur Verfügung gestellt.

P.P.P.S.
Herzlichen Dank auch an die Kollegen Richard und Werner für die Teilnahme am Experiment.

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