Der Knubbelige ist zurück – Lister!

‌Stirling Moss: Sieger Silverstone 1958 im Knobbly-Lister

Letzte Woche erreichte mich ein Newsletter: Die Firma Lister hat am 03.03.2015 ein neues Auto ausgeliefert! Was diese Meldung soll? Hier in der Oldtimerecke? Na, das erkläre ich gerne.

Lister ist ein kleiner Hersteller von Rennsportwagen aus England. Und hat nach einigen Jahren mal wieder einen Wagen auf die Strasse gebracht, ausgeliefert wurde er am 03.03.2015.

Das besondere an diesem Lister: Dieser Wagen ist eine Konstruktion, die bei Rahmen, Motor und Karosserie genau dem Stand von 1958 entspricht!

„Lister Chevrolet“ von Darren - P7292144. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lister_Chevrolet.jpg#mediaviewer/File:Lister_Chevrolet.jpg

Und das kam so:

1954 begann Brian Lister in Cambridge mit dem Bau von Sport- und Rennwagen. Insgesamt wurden in den 50ern in seiner Fabrik 34 Autos (Georgano berichtet von bis zu 50 Wagen…) gebaut, anfangs hatten sie MG- oder Bristol-Motoren, danach wurde es schärfer; es gab Maserati-Triebwerke, vor allem aber große Chevy-Achtzylinder und modifizierte Reihensechser aus dem Jaguar D-Type befeuerten die meist zweisitzigen Geschosse mit gut über 300 PS.

Letztere machten als „Lister-Jaguar“ in der Folge nicht nur den Aston-Martins, sondern auch den von Jaguar selbst gebauten D-Types die Hölle heiß…

Es gab dabei eher aerodynamisch orientierte Karosserien, die vor allem von einem gewissen Frank Costin (der ist ganz sicher einen eigenen Blog-Beitrag wert!) entworfen wurden, die erfolgreichsten, bekanntesten und zahlreichsten Listers waren aber die Knobbly-Listers – „knobbly“ heißt knubbelig, und hier war Nomen wirklich Omen, denn mit ihren ausgebeulten „Schultern“ sahen diese Rennwagen aus wie muskelbepackte, kraftstrotzende Athleten.

„Lister Jaguar Knobbly - Ecurie Ecosse - GPAO 2011“ von Akela NDE (talk) - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 fr über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lister_Jaguar_Knobbly_-_Ecurie_Ecosse_-_GPAO_2011.jpeg#mediaviewer/File:Lister_Jaguar_Knobbly_-_Ecurie_Ecosse_-_GPAO_2011.jpeg

Diese Optik versprach nicht zu viel, das waren keine aufgepumpten Bodybuilder! Es heißt, die Listers seien in den 50ern die erfolgreichsten Rennwagen auf den Britischen Inseln gewesen.

Brian Lister war eng befreundet mit Archie Scott Brown, einem Rennfahrer, der die Wagen seines Freundes trotz einer angeborenen körperlichen Behinderung ausgesprochen erfolgreich bewegte. Nach Archies tödlichem Unfall (in einem Lister Jaguar) stellte Brian Lister 1959 die Produktion seiner Wagen ein.

In den 60ern ließ er sich noch einmal überreden, aber mehr als ein Exemplar für Le Mans 1963 kam dabei nicht heraus.

In den 80er Jahren wurden bei Lister die dicken Jaguar XJS für Rennen getunt, in den 90ern dann mit dem Lister Storm GT (natürlich mit einem V12 von Jaguar) die FIA-GT-Meisterschaft  aufgemischt. Nach dem Jahr 2000 glückte dem Unternehmen Lister nicht mehr viel.

Die alten Lister kann man häufig noch bei Oldtimerrennen über die Strecke stürmen sehen, sie sind echte Hingucker, Meisterwerke ihrer Zeit. Und angesichts der geringen Produktion sind sie auch mit viel, sehr viel und noch mehr Geld nur schwer, sehr schwer zu bekommen. Was liegt näher, als diesen Engpass aufzulösen?

Ein Fall für „We’re putting the band back together!“… Man ging also auf die Suche nach den alten Kämpen der Lister Cars, zog die originalen Konstruktionszeichnungen aus der Schublade, die alten Karosserielehren aus dem Lager und machte sich auf den Weg, wieder den alten Knobbly Lister auf die Strasse zu bringen.

Die Lister Truppe: Brian Lister 2. von rechts

Meist sind solche Pläne nicht von Erfolg gekrönt und kommen über engagierte Marketingaktionen nicht hinaus, hier hat es jedoch geklappt – kein Wunder, wenn man diese Riege tatendurstiger Helden sieht…

Man bekommt den neuen Knobbly sowohl mit Chevy- als auch mit Jag-Motor, beide haben jeweils über 300 PS, aber eine unterschiedliche Motorcharakteristik, und der Lister sieht immer noch – oder wieder – richtig gut gebaut aus, einfach umwerfend.

Braucht natürlich kein Mensch, aber innere und äußere Schönheit verbinden sich zu einem Ergebnis, das die meisten von uns auch bald 60 Jahre nach seiner Konstruktion noch immer mit seiner Präsenz in den Bann zieht.

Jetzt wird also alles gut, es gibt wieder Knobbly-Listers, wer ausreichend Scheine mitbringt, kann ein solches Meisterstück jetzt auch neu sein eigen nennen – und wir anderen werden uns freuen, wenn wir mal einen sehen.

Bis dahin empfehle ich dringend einen Besuch auf der Homepage von Lister (da könnt Ihr auch eine wirklich eindrucksvolle Broschüre bestellen) und den Werbefilm (noch mit Brian Lister himself, der leider im Dezember 2014 gestorben war…) auf Youtube.

P.S.:
Wer die siebenstelligen Aufwendungen für den Erwerb eines alten Knobbly aus den 50ern nicht tätigen möchte, erfährt am Ende des Werbefilms, was ein neuer kostet: ab 300.000 Pfund plus Steuern, also netto ungefähr 420.000 Euro ist man dabei, das macht doch nur ein Viertel, Fünftel eines Gebrauchten – this is a real bargain!

UPDATE:
Wie wertvoll und daher auch wie ärgerlich es ist, wenn solch ein Lister-Jaguar auf einen Mercedes 300 SL Porter Special „trifft“, haben die Besucher des Goodwood Salvadori Cup miterleiden müssen.

Fotoquellen:
Stirling Moss – aus der Werbebroschüre entnommen
Knobbly-Lister mit Chevrolet-Motor – Wikimedia The359
Knobbly-Lister mit Jagur-Motor – Wikimedia Akelna NDE
Lister-Truppe – aus der Werbebroschüre entnommen

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