1er, 2er, 4er, GTS, GTC, GTE – Hilfe! Ich blicke nicht mehr durch!

Bei den Modellpaletten der Hersteller war es früher einfach besser, genauer gesagt: Einfacher! Da gab es von BMW den 3er, den 5er und den 7er. Den 3er gab es z. B. für die Dame des Hauses als Cabrio und der Herr fuhr 5er, Opa hatte genug Geld und hatte einen 7er. Ich kann durchaus diese Stereotypen bemühen, weil es in unserer Familie genau so war.

Das Cabrio existiert immer noch, mittlerweile fast schon ein Youngtimer. Wenn ich das Fahrzeug sehe, erinnert es mich an eine vergangene Zeit: Die Zeit, als man bei den Modellen der Hersteller noch durchblicken konnte.

Man hätte das Chaos kommen sehen können: Immerhin gab es ausreichend Ziffern, die BMW noch nutzen konnte. Ein 2er Modell oder ein 4er zu bauen, lag quasi auf der Hand. Die massive Erweiterung der Produktpalette begann mit dem 1er. Okay, ein Einstiegsmodell, verständlich, dass die Bayern auch etwas vom Kuchen am unteren Ende der Neupreisskala abhaben wollten.

In der Modellpalette folgten der 2er und der 4er, doch damit nicht genug: Es gibt verschiedene Varianten der Modelle! Früher gab es die Limousine und den Kombi, beim 3er noch den compact und das Cabrio. Einfach und vor allem: Selbsterklärend!

BMW
Heute gibt es bei den Automobilen aus München für die 2er-Reihe noch den Grand Tourer und den Active Tourer. Nicht zu verwechseln mit dem Gran Tourismo der 3er und 5er Reihe oder dem 4er Gran Coupé. Ein Gran Coupé gibt es auch in der 6er Reihe. Und? Überblick verloren? Oder geht es nur mir so?

Falls nicht, muss man einen Blick auf die X-Modelle werfen, die sind zwar fein durchnummeriert und ohne Grande/Gran/Irgendwas-Zusätze, aber es fehlt der X2.

Der Z4 hat eine bemerkenswerte Alleinstellung: Es gibt nur eine Variante.

Fast so wie beim BMW Active E, der Elektro-Variante des 1er. Aber es gibt noch den Active Hybrid 3, 5 und 7. Active klingt zwar nicht nach Elektro, soll es bei BMW aber. Der Unterschied zwischen den Modellen: Der Active E, der aus welchen Gründen auch immer nicht Active 1 heißt, ist rein elektrisch. Die anderen Modelle sind Hybride.

War es früher einfach, die Modelle dem jeweiligen Geldbeutel zu zuordnen, ist das heute quasi unmöglich. Heute geht es darum, Zielgruppen anzusprechen!

Der urbane midlife performer hat natürlich andere Anforderungen an ein Automobil als ein sustainable young professional (Beide Begriffe frei von mir erfunden, also kann es gut möglich sein, dass sie im Marktingsprech eines Autokonzerns auftauchen).

Die jungen, aktiven, ökologisch interessierten Familien nicht vergessen! Ich glaube für die ist dann der 2er Active Tourer, vorausgesetzt sie sind aktiv genug! Ob mindestens ein Familienmitglied ein Sportabzeichen bei Bestellung vorweisen muss? Was ist, wenn das Familienoberhaupt den Job wechselt und lange Strecken zurücklegen muss? Benötigt man dann ein Upgrade auf einen Gran Tourismo, weil der irgendwie nach „langer Tour“ klingt?

Mercedes schlägt einen ähnlichen Weg ein und hat sich vorgenommen, die Kunden massiv zu verwirren. C-Klasse, E-Klasse, S-Klasse: So war es früher, fast wie bei BMW.

Heute gibt es in der Stuttgarter Modellpalette nicht nur zusätzlich die B-Klasse, sondern auch den CLS, CLE, GL, GLA, GLE und GLK dazu. Während bei der B-Klasse die Karosserieform „Sports Tourer“ verfügbar ist, gibt es bei der C-Klasse das gute, alte T-Modell, ob man in das T-Modell keine Sportgeräte einladen soll, wird ein ewiges Rätsel bleiben. CLA und CLS gibt es in den Varianten Coupé und Shooting Brake. Was soll mir diese Ausgeburt von Marketinglabel sagen? Ich habe nicht die geringste Ahnung!

Die G-Klasse vom Daimler war immer ein Geländewagen der Oberklasse. In letzter Zeit haben sich GLE, GLA und GLK dazu gesellt. Dafür wurde die M-Klasse aus dem Programm verbannt, der erste Geländewagen für die Stadt von Mercedes. Denn sowohl G, GLE als auch GL sind „Auf jedem Gelände in ihrem Element“ so der Werbespruch zum Auto. Beim GLA ist „Freiheit ansteckend.“ und beim GLK steht nur „Charakter. Stark.“. Schlau werde ich daraus nicht; wenn ich bei Mercedes ein Automobil suchen würde, welches einen starken Charakter hat UND sich auf jedem Gelände wohl fühlt, wäre das wohl ein Ding der Unmöglichkeit.

Audi geht hier einen anderen Weg: Die Bezeichnung Sportsback, Avant, Cabrio, Limousine und Coupé finden sich bei vielen der A-Modelle. Das macht den Durchblick doch erheblich leichter.

Audi
Leider hat sich Audi entschlossen die Verwirrung lieber optisch zu maximieren: Alle Modelle sehen sich sehr, sehr ähnlich. Die Markenidentität wird hier soweit getrieben, dass sich einzelne Produkte nicht mehr voneinander unterscheiden lassen.

Im Endeffekt haben wir das Ganze den „Plattformen“ und Baukästen zu verdanken: Die Hersteller haben 2-3 Plattformen für ihre Autos und stricken lustig Karosserien drumherum. In Zeiten stagnierender Zulassungszahlen bzw. eines gesättigten Marktes muss man die Leute nicht davon überzeugen, ein Auto zu kaufen. Es gilt jede Nische abzudecken, so dass auch wirklich jeder Kunde beim eigenen Konzern fündig werden kann. Marktanteile, Marktanteile, Marktanteile!

Und so verkommen die Modellpaletten zu langweiligem Einheitsbrei. Marken stehen nicht mehr für bestimmte Werte ein, sondern sind nur noch das Dach einer möglichst großen Halle für möglichst viele Kunden.

Schade, denn Ecken und Kanten gefallen mir nicht nur im Automobil-Design, sondern auch beim Image eines Autoherstellers!

Fotos: Screenhots von den Homepages der Hersteller (© BMW, Audi)

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