Eine empfindsame Reise im Automobil

Klingt schon etwas befremdlich: „empfindsam reisen“ – und das „im Automobil“?

Reisen im Auto: Da denken wir doch reflexartig an Stauwochenenden, 1.000 km in einer Nachttour am Stück oder die stets zuverlässig mit zunächst zarten, dann drängelnden oder verzweifelt flehenden Stimmen vorgebrachten Fragen und Appelle: Sind wir bald daaah? Muss Pippi, jetzt, wirklich…! Stop and Go auf der Autoroute du Soleil oder 3 Stunden durchs Rhein-Main-Gebiet – jeder hat so seine Assoziationen.

Es geht auch anders, und das möchte ich euch heute nahebringen, daher jetzt etwas Neues im Oldtimer-Bereich des drive Blogs – ein Tusch:

Unsere erste Buchpräsentation!

Oh nein, wir werden hier nicht eines aus dem riesigen Angebot der zahlreichen Oldtimerbücher, -bildbände oder -kataloge vorstellen, ebensowenig einen Baedeker, Polyglott oder Reiseblog empfehlen. Vielmehr erzähle ich von einem meiner langjährigen Begleiter, einem literarischen Schatz aus dem Beginn der Automobilzeit.

Otto Julius Bierbaum, einer der publizistischen Alleskönner des späten deutschen Kaiserreichs, war Schriftsteller, Poet, Spötter und Zeitschriftenherausgeber. Damals war er weithin bekannt,  zumindest der ihm zugeschriebene Spruch: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“ ist heute Allgemeingut geworden.

Dieser Intellektuelle schaffte es im Jahr 1902, der prosperierenden Firma Adler einen offenen „Adler 8 PS“ mit einem 865 ccm Einzylinder und rasanten 40km/h Höchstgeschwindigkeit nebst fähigem Chauffeur aus den Rippen zu leiern und damit, zusammen mit seiner Frau, eine fast vier Monate dauernde Reise nach Italien und zurück zu unternehmen.

Adler mit ungewöhnlicher Sprungfeder-Bereifung

Das Ergebnis war der 1903 veröffentlichte Brief-Roman namens „Eine empfindsame Reise im Automobil“.

Der Autor lässt verschiedene Herren der besseren Gesellschaft in Deutschland als Briefadressaten an seinen Erlebnissen teilhaben – aber irritierend war wohl schon damals das „empfindsam“ im Titel.

Er hilft uns in der Einleitung weiter: „Mit offenen, wachen, allen Erscheinungen des Lebens, der Natur zugewandten Sinnen reisen nenne ich empfindsam reisen und dieses Reisen allein erscheint mir als das wirkliche Reisen, wert und dazu angetan, zur Kunst erhoben zu werden.“ Und er setzt das sehr gut um, sowohl in der Reise selbst, als auch in seinen Briefen: Das erste deutschsprachige Auto-Reisebuch ist witzig, interessant und unterhaltsam geschrieben – empfindsam.

Man reiste mit relativ bescheidenem Gepäck… zum Beispiel durfte eine Gummibadewanne ebensowenig fehlen, wie angemessene Kleidung zum Dinner in den regelmäßig doch standesgemäßen, also „besseren“ Hotels.

Bierbaums empfinsame Reise im Adler

Unterwegs lernt er vieles kennen, spannend und munter die Berichte aus den abgelegeneren ländlichen Gegenden, die immer noch der Feudalzeit verhaftet waren, ungebildete und trotzdem gewitzte und würdevolle Menschen treffen auf ein Objekt aus der großen weiten Welt. Wo die Reisenden auftauchten, gab es oft Menschenaufläufe, man dürfte dort nach lange von den drei tedeschi in der bella macchina gesprochen haben.

Bierbaum selbst beschreibt präzise und sehr wohlwollend; die Menschen, die er trifft, werden stets in ihrer Lebenssituation betrachtet; er hält die Distanz , doch er pflegt keinen Großstadt-oder Bildungselitendünkel und hat Gefallen an vielem, was er kennenlernt.

So berichtet er freundlich und interessiert von den verschiedenen bereisten Landschaften und Städten und unterschiedlichsten Menschen, die seine Wege kreuzen.

Er schildert auch, wie schnell (aus heutiger Perspektive jedoch sehr, sehr geruhsam!) man mit dem tapferen 8 PS Gefährt stets neue Herausforderungen unter die Räder nimmt – die Zeiten der Römer mit ihren genial gepflasterten Straßen sind seit 1.500 Jahre vorbei, man fährt auf Schotter, in Stadtnähe manchmal auf Pflaster. (Hierzu hat Don Alphonso neulich eine schöne Beschreibung der ländlichen Strecken geliefert…. manche tun sich Marathon an, er radelt etwas durch Italien… das aber heroisch!)

Eine wirklich anstrengende Übung für Mensch und Maschine!

So schafften sie es als erste, mit einem Auto nach San Marino zu gelangen und den Gotthard-Pass zu überqueren. Ich weiß nicht, wieviele Reifen gewechselt und geflickt werden mussten.

Adler von 1903 [http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAdler_1903.JPG]

Wenn wir heute mit unseren schnellen Kisten mal eben mehr oder weniger am Stück (letzteres gilt für mich, dafür sorgen meine FragerInnen – s.o.) 1.000 km durch die Gegend rutschen, reduziert sich die „Wartung“ regelmäßig auf Null, man tankt erforderlichenfalls und fährt weiter – anders vor 110 Jahren.

Das war aufwendiger: Es fing an mit der Beschaffung von Benzin, denn es gab keine Tankstellen – also hieß es, stets zu schauen, wo man Apotheken oder ähnliche Einrichtungen auftreiben konnte, um dort (zu Apothekenpreisen) literweise Kraftstoff zu kaufen. Allabendlich mussten alle möglichen Schrauben überprüft und nachgezogen, Flüssigkeiten nachgefüllt und Schmiernippel mit der Fettpresse bedient werden (das war 50 Jahre später oft immer noch so). Miese Reifen, zahlreiche Hufnägel und die oft schlechte Material- und Verarbeitungsqualität der Gefährte ließen es tatsächlich sinnvoll erscheinen, mit Chauffeur zu reisen, denn dessen Aufgabe war nicht nur, das Automobil zu steuern und zu warten, nein, er konnte es zerlegen, reparieren und auch wieder zusammensetzen.

Zum Ende seiner Reise konnte Bierbaum sowohl den Adler, als auch seinen tüchtigen Chauffeur (Meister Riegel) loben – sie hatten weder größere Defekte noch einen Unfall zu vermelden. Meister Riegel hatte es wohl im Griff!

Was wir hier mitnehmen können?

Das Motto von O.J. Bierbaum war: Lerne reisen, ohne zu rasen…

Und so werde ich versuchen, im Sommer besonders empfindsam auf die bereisten Gegenden zu schauen!

 

Fotoquelle:
Adler: Motorrad-Veteranen und Technik-Museum; Großschönau
Adler von 1903: Wikimedia – Softeis

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