Mercedes B-Klasse Electric Drive

Und auch bei der B-Klasse ist es wie bei jedem Elektroauto: Das erste Mal einsteigen ist spannend – was mag einen erwarten, eine HighTec Show oder ein normales, „umgebautes“ Auto?

Vor einigen Wochen hatte Jens eine B-Klasse mit Verbrenner im Test – und sein Fazit war sehr positiv, ein gediegenes, vernünftiges Auto ohne große Schwächen, die B-Klasse gilt als Vernunftauto ohne Sportallüren, mag sie auch von Mercedes als „Sports-Tourer“ bezeichnet werden.

Und jetzt hatten wir zwei Wochen lang die elektrische Ausführung „electric-drive“ unter unseren Fittichen; dieser Wagen hatte bereits einigen – durch Los ermittelten – Kollegen auf dem Nachhaltigkeitstag der R+V in der Direktion für Probefahrten zur Verfügung gestanden und kam dabei sehr gut an!

Mercedes Benz B-Klassse Electric Drive

Und wie schlägt er sich im Alltag? Hier meine Bewertung:

Erst mal sieht die B-Klasse ganz normal aus, bisschen blaue Elemente an der Außenhaut, wie Elektro heute so sein soll, aber weiter eindeutig eine B-Klasse.

Und trotzdem anders – ich fasse es kurz: Der Wagen ist 4 cm höher als eine normale B-Klasse. Diese Erhöhung ist mit Kunststoffabdeckungen am unteren Teil der Karosserie geschickt kaschiert – warum?

Die Batterieeinheit wurde in den Fahrzeugboden (optimaler Platz, niedriger Schwerpunkt und sinnvolle Gewichtsverteilung) verlegt. Also macht man entweder den Innenraum erheblich kleiner, oder man bockt ihn einfach – wie hier geschehen – ein bisschen höher. Optisch eine gelungene Lösung. Und der Cw-Wert von 0,28 ist der objektive Beleg für eine sinnvoll designte Karosserie.

Er steht auf 225er Reifen – das macht zwar was her (Formel1! Sports Tourer! Sooo Schlappen!); ist hier aber kontraproduktiv, denn schmaler wäre ökonomischer.

Die Türen sind groß, öffnen sich weit, die Kofferraumhaube schwingt so, dass auch Menschen mit Gardemaß beulenfrei bleiben. Das Sitzniveau ist relativ hoch (+4cm! gegenüber der normalen B-Klasse) – man kommt also sehr anständig rein und wieder raus.

Aber wir bleiben jetzt mal drinnen: Ein geräumiger Wagen, vorne wie hinten, gute Sitze (in unserem Wagen mit elektrischer Sitzverstellung: schwer, schick und verzichtbar – dazu später mehr)! Alles sieht – welch Überraschung – aus wie bei Mercedes, Optik und Haptik gewohnt gediegen und unspektakulär.

Hinteren Sitze der Mercedes B-Klasse

Ein kleines, leider fixiertes Display in der Mitte des Armaturenbretts verheißt eine gewisse Ausstattung mit Elektronik-Features, leider kein Touch-Screen. Die eigentlichen Fahranzeigen für den Fahrer zeigen wie auch schon im e-Golf teilweise echte Rundanzeigen mit echten Alu-Ringen und echten Zeigern, die auf echten Achsen stecken… 20. Jahrhundert.

Mercedes B-Klasse - Tachometer

Ebenfalls zufriedenstellend ist der Kofferraum, wie so oft auch hier mit Zwischendeck und somit zwei Etagen, was sich mir ja nicht so recht erschließen mag: Die Höhe der Ladekante ist mir ziemlich wurst, als rückenschmerzfreier Durchschnittsmensch mit Familie bin ich eher für jeden Kubikzentimeter Raum dankbar! 501 Liter Kofferraumvolumen sind anständig, mehr wäre drin… Aber die B-Klasse folgt damit dem derzeitigen Mainstream, also Haken dran.

Und dann ist da noch die Sache mit den beiden Ladekabeln, die bei den ganzen E-Mobilen immer hintendrin rumfliegen…

Ladekabel im Kofferraum der Mercedes B-Klasse

Genug auf die Folter gespannt, in diesem Fahrbericht sollen natürlich auch die mobilen Qualitäten des Testobjekts dargestellt werden:

Nach dem Einsteigen geschieht erst mal nix; man muss doch klassisch den Schlüssel suchen, einstecken und dann tatsächlich wie bei einem Verbrenner durch eine Drehung „scharf“ schalten. Dann verändert sich das Mäusekino und man sieht die Anfahrbereitschaft an dem dezenten Hinweis „READY“…. Warum bloß READY statt FERTIG oder BEREIT! Sehen wir großzügig darüber hinweg.

Über ein kleines Hebelchen am Lenkstock werden die Grundeinstellungen gewählt : Vorwärts/Rückwärts/Neutral. Die Knöpfchen in der linken Seite des Multifunktionslenkrads steuern die Anzeigen im Armaturenbrett, hier kann man Durchnittsverbräuche ab Abfahrt und Reset,  Reichweiten, etc. erfahren, die rechten Tasten befassen sich mit dem Multimedia-Angebot.

Mercedes B-Klasse - Tachometer

Der Wagen fährt schön an, fettes E-Motor-Drehmoment. Das ist immer wieder gut, Testpassagiere sind stets fassungslos. Zu Straßenlage, Bremsen, Geräuschkulisse, etc. fasse ich kurz zusammen: Mercedes.

Von 0 auf 100 km/h ist man in 8 Sekunden, völlig unangestrengt – hier sieht man dann doch eine sportive Seite, aber eigentlich gilt: Man rollt gut behütet, reisen statt rasen!

Es stehen drei Fahrmodi zur Verfügung, wählen kann man diese an einem unscheinbaren Knöpfchen an der Mittelkonsole (während der Fahrt immer schwer zu finden,  also leider völlig deplaziert, aber das ist ja bei fast allen so!):

„S“ bietet die volle Leistung (132 kW/180 PS), „E“ noch 100 kW und „E+“ immerhin 70 kW, riegelt aber bei 110 km/h ab.

Bei normalem Fahren im Pendelverkehr (von Stop and Go bis zu 100-110 km/h Höchstgeschwindigkeit, behutsamer Beschleunigung, hoher Rekuperation) verbrauchte der Wagen bei guten äußeren Bedingungen nie unter 16,6 kW/h….  bei einem Akku-Volumen von 28 kw/h kann man sich einfach ausrechnen, dass es sehr schwierig sein dürfte, hier auf 200 km-Reichweite zu kommen.

Und wir waren stets unter sehr guten äußeren Bedingungen unterwegs. Je nach gewähltem Fahrmodus, Ladezustand, zusätzlich genutzten Stromverbrauchern und den bisherigen Erfahrungen des Mercedes mit dem Fahrer und den Strecken wird eine Reichweitenprognose angezeigt – die war nach meiner Bewertung stets eher konservativ, man hatte immer das Gefühl, dass es doch noch etwas weiter reichen könnte.

Dieser Verbrauch ist die Achillesferse der B-Klasse: Bei unserem Testwagen für 45.000 € wird natürlich die beschränkte Reichweite relativ noch weniger verziehen als bei einer Renault Zoe oder einem Nissan Leaf für die Hälfte, 2/3 des Preises; bei der B-Klasse wird die Reichweite vielleicht zu einem Ausschlussgrund, es sei denn, ich will mich aus Gewohnheit nur gut besternt in einem Radius von 60 Kilometern bewegen.

Denn hier kommen wir zum 2. Hauptkritikpunkt: Die Ladedauer!

Mercedes sagt: „Eine Schnellladefunktion versorgt die Batterie in nur zwei Stunden mit der benötigten Energie für eine Reichweite von 100 Kilometern“ – das ist im Vergleich zur Konkurrenz leider sehr, sehr langsam – zu langsam.

Wie ihr merkt, landen wir jetzt in der Meckerecke… Was sonst noch auffiel: Die Verarbeitung kam uns an manchen Stellen durchaus verbesserungsfähig vor, zum Beispiel die teilweise fehlende obere Abdichtung der hinteren Türen mit möglicher Rißkante für Kleidung, ein sichtbarer Falz an den Ecken der Motorhaube und eine ausgesprochen störrische Klappe für den Batterieladestecker, die sich beim Versuch des Öffnens wiederholt unkooperativ verhielt.

Mängel an der Mercedes B-Klasse: teilweise fehlende obere Abdichtung der hinteren Türen, ein sichtbarer Falz an der Motorhaube

Fazit

Ein gut umgebauter Verbrenner, der alte Mercedes-Tugenden nicht schlüssig mit dem neuen Antriebskonzept verbindet. Der zu hohe Verbrauch und die zu große Ladedauer beschränken die Nutzbarkeit sehr.

P.S.
Ein Kollege nutzte die B-Klasse für eine längere Fahrt, hier sein „Erfahrungsbericht“ im O-Ton:

Kaiserwetter für einen sommerlichen Reichweitentest am 11.06.2015.

Bei Übernahme der B-Klasse ED von der Wall-Box zeigte die Reichweitenanzeige ernüchternde 121 km an. Für die einfache Pendlerstrecke in den Hunsrück (ca. 85 km) müsste es trotzdem locker reichen.

Abfahrt um 14:30 Uhr,  damit die Batterie sich nicht schon vor der Schiersteiner Brücke entlädt. Der erste Eindruck ergibt eine sehr gut ausgestattete B-Klasse.

Zündschlüssel an und …nichts. Absolut lautloses Gleiten durch die Tiefgarage und über den Raiffeisenplatz. Dank der zuverlässigen Reichweitenanzeige konnte ich die B-Klasse – mit vollzähliger Fahrgemeinschaft (4 Personen) – entspannt in den Hunsrück mit Tempo 120 km/h laufen lassen. Die 180 PS im S-Modus habe ich mir auf den letzten Autobahnkilometern gegönnt. Ankunft mit  42% Rest Akku. Nach kurzem Aufladen und einer Restreichweite von 66 km war anschließend noch ausreichend Energie für das Abholen der Tochter in Koblenz (einfache Fahrt ca. 30 km) drin. Während für die Fahrt zur Rhein-Moselstadt (im Wesentlichen bergab) lediglich 11 % der Batterieleistung verbraucht wurden, kamen wir bei der Rücktour (im Wesentlichen bergauf)  „erleichtert“ mit einem Rest Akku von 6 % an.

Fazit: Komfortables Zweit-Auto für Pendlerstrecken bis ca. 50-60 km (einfache Fahrt).  Für Fernpendler ist die Reichweite noch nicht ausreichend.

P.P.S.
Wir danken der Taunus-Auto-Verkaufs-GmbH in Wiesbaden für die freundliche Überlassung der B-Klasse zu Testzwecken.

 

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