Die Geschichte der Automarken – Lancia

Nach Alfa Romeo widme ich mich heute der Geschichte einer weiteren Traditionsmarke aus Italien: Lancia. Das Unternehmen Lancia & C. Fabbrica Automobili wurde 1906 in Turin von Vincenzo Lancia und Claudio Fogolin gegründet.

Lancias Geburt: Anfang des 20. Jahrhunderts

Von Beginn an galt Lancia als die beste italienische Automarke, denn die Ingenieure konzentrierten sich darauf, Patente in fahrbare Vehikel umzusetzen. Und weil die Entwicklungsgeschwindigkeit bei Lancia direkt sehr hoch war, wurden von den einzelnen Fahrzeugen (im Vergleich zur Konkurrenz) häufig kleinere Serien produziert.

Lancia galt als Designinnovator der Automobilbranche und es war immer etwas Besonderes, einen Lancia zu fahren. Daher waren die Kunden auch bereit, für die fortschrittlichen Autos mehr Geld zu bezahlen.

Das erste Fahrzeug – der Typ 12 HP, später auch Alpha genannt – wurde 1908 vorgestellt, als Prototyp existierte er aber schon 1907.

Im Jahre 1913 stellte Lancia den Theta vor, das erstes Auto in Europa, welches über eine elektrische Anlage verfügte. Außerdem war es das erste Auto mit einem Anlasser und einem beleuchteten Cockpit. Ja, man mag es gar nicht glauben, aber bis dahin hatten Fahrzeuge Öllampen oder Kerzen als Beleuchtung. Und auch das bis dahin lästige Kurbeln, wie wir es aus diversen schwarz/weiss-Filmen kennen, war danach Schnee von gestern.

lancia_theta

Der 10 Jahre später, im Jahre 1923, vorgestellte Lancia Lambda mit Einzelradaufhängung vorn und hydraulischen Stoßdämpfern war das erste Fahrzeug mit selbsttragender Karosserie. Diese Konstruktion konnte die Materialkosten und das Gewicht für Automobile drastisch reduzieren.

Theta und Lambda und ihre neuen Technologien prägen bis in die heutige Zeit den Automobilbau und weisen auf den legendären Namen Lancia hin.

LanciaLambda

Namensgebung bei Lancia

Kommen wir in diesem Zusammenhang auf die etwas merkwürdigen Namen, die Lancia ihren Fahrzeugmodellen ebenfalls von Beginn an verpasste, zu sprechen.

Neben dem Namen des einen Gründers (Vincenzo Lancia) ist Lancia das italienische Wort für Lanze. Passend dazu wurde 1911 das erste Lancia-Logo gestaltet: Es zeigt ein Schwungrad und eine Lanze.

Logo Lancia von 1911 („LogoLancia1911“ von SurfAst - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LogoLancia1911.jpg#/media/File:LogoLancia1911.jpg)

Nun aber zu den Modellen:

Bis 1919 wurden alle Fahrzeuge nach der Motorleistung benannt. Erst später kamen – auch rückwirkend – Modellbezeichnungen nach dem griechischen Alphabet hinzu, wobei einige Versionen ein Di- oder Tri- vorangestellt bekamen und an erfolgreiche Vorgänger anknüpften.

Als das Alphabet erschöpft war, wurden alle Fahrzeuge nach Orten mit A- benannt, nach Appia (nach der Römerstraße Appia) folgten weitere Namen von Römerstraßen wie Flaminia, Flavia usw. (sogenannte A- und F- Modelle).

Ab 1972 wurden dann teilweise wieder die früheren Bezeichnungen nach dem griechischen Alphabet verwendet: Beta, Delta, Gamma, später aber auch andere griechische Begriffe wie Stratos, Thema und Dedra.

Der Delta blieb erhalten, nur wurde nicht der griechische Buchstabe verwendet, sondern „Delta“ wurde ausgeschrieben. Bei der zweiten Serie des Delta wurde dann wieder auf den griechischen Buchstaben zurückgegriffen.

Der Nachfolger des Thema war der Lancia k, wobei das „k“ den griechischen Buchstaben Kappa darstellt. Als Nachfolger des Dedra erschien der Lybra. Es folgten weitere Fahrzeuge unter den Bezeichnungen Thesis, Musa, Ypsilon und Phedra.

Ihr seht, nicht wirklich einfach und nachvollziehbar… oder?

Einschnitt 2. Weltkrieg und Produktion nach 1945

Der zweite Weltkrieg ging auch an Lancia nicht spurlos vorüber: Ähnlich wie Alfa Romeo wurde Lancia von der Wehrmacht dazu gezwungen, nur noch LKW zu produzieren.

Das war aber kein neues Feld für Lancia, lediglich eine Verschiebung des Produktionsschwerpunkts. Die Marke war auch auf dem Sektor der Nutzfahrzeuge eine anerkannte Größe und baute LKW und Omnibusse jeder Art und Größe wie auch Oberleitungsbusse.

Nach dem zweiten Weltkrieg führte Lancia den Weg der besonderen Automarke mit dem besonderen Design weiter fort, obwohl andere führende Marken sich auf den Wachstumsmarkt der billigen und einfachen Fahrzeuge konzentrierten und diesen weiter ausbauten.

Anfang vom Ende

Lancia gelang es nicht, in diesem Bereich Fuß zu fassen. Auch im Automobilrennsport der Formel 1 kam Lancia nicht an die Erfolge von Alfa Romeo oder Ferrari heran, sondern feierte Siege im Ralleysport. Man verschenkte sogar seine Formel 1-Sparte im Jahre 1955 an Ferrari.

Im selben Jahre verkaufte Lancia die Mehrheit am Unternehmen an die Italcementi-Gruppe und stopfte damit Löcher im Etat der Entwicklungsabteilung. Es folgten klangvolle Fahrzeugmodelle wie der Lancia Florida, Lancia Aurelia und Lancia Flaminia.

Man produzierte auf dieser Basis teure Lancia-Baureihen mit zahlreichen Varianten als Coupé, Sportwagen, Roadster oder Cabriolet bei externen Karosseriebetrieben. Zu jener Zeit waren besonders die Sechszylinder-Fahrzeuge der Marke sehr teuer und wurden nur von einer kleinen Zielgruppe bevorzugt. Lancia hatte hohe Entwicklungskosten und konnte auch über die direkte Ansprache der betuchten Kundschaft die Verluste nicht ausgleichen.

Es kam, was zu Italien gehört wie Pizza oder Penne: Fiat! 1969 war es soweit und Lancia wurde von Fiat aufgekauft. Es wurde aber nicht eine Lira bezahlt, da der Schuldenberg den Unternehmenswert übertraf!

Fiat senkte sofort die Preise für die in Produktion befindlichen Modelle, konnte aber den noch preiswerteren Mitbewerber Alfa Romeo nicht unterbieten. Für die danach produzierten Modelle wurden zum großen Teil nur noch Komponenten des Fiat-Konzerns verbaut. Da die Entwicklungs- und Produktionskosten drastisch gedrückt werden mussten, wurden die Lancia-Ingenieur-Fertigkeiten nicht mehr gebraucht.

Trotzdem und weil man das hochpreisige Segment nicht vernachlässigen wollte, baute man ab 1971 ein legendäres Fahrzeug, den Lancia Stratos. Dieses Fahrzeug ist das einzige, welches mir persönlich in der Modellpalette von Lancia gefällt. Ein typisches Fahrzeug der Ende 60er/Anfang 70er ganz in der Machart des amerikanischen Vorbildes Corvette Stingray.

LanciaStratos

Lancia Stratos

Und dieses stylische Fahrzeug machte auch im Ralleysport eine ganz passable Figur:

StratosRalley

Lancia Stratos im typischen Ralleystyle dieser Zeit

Fiat, Alfa Romeo, Chrylser – Hoffnung Y?

1986 kaufte Fiat auch den Lancia-Konkurrenten Alfa Romeo und legte sofort beide Unternehmensteile zusammen. Bis 1993 wurde ein Mischmasch an Fiat/Alfa Romeo/Lancia Fahrzeugmodellen gefertigt, wobei die spezifischen Besonderheiten der einzelnen Marken leider immer mehr verwässerten.

Dies erkannte die Unternehmensführung und gliederte 1993 das Unternehmen erneut in einzelne Bereiche auf, die ab sofort wieder eigenständige Modellpaletten produzieren sollten. Die technologische Basis jedoch wurde nicht aufgegeben.

1998 gelang Lancia ein weiterer großer Wurf in deren Modellpalette. Mit dem Thesis gelang es Lancia ein Modell zu entwickeln, welches seinen Nicht-Erfolg der Tatsache schuldet, dass es eines der hässlichsten je gebauten Fahrzeuge ist und diesen Ruf in diversen Ranglisten auf diversen Websites grandios verteidigt. Irgendwie wollte man eine Limusine der Oberklasse nach amerikanischem Vorbild kreieren. Der Versuch misslang…

Lancia Thesis („Lancia Thesis vl“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lancia_Thesis_vl.jpg#/media/File:Lancia_Thesis_vl.jpg)

2009 wurde die Chrysler-Group durch Fiat hinzugekauft und agiert fortan als dessen amerikanischer Brückenkopf. Es wurden weiterhin eigenständige Modellpaletten produziert und in den jeweiligen Märkten vermarktet. Die Stückzahlen blieben jedoch immer unterhalb der Erwartungen. Besonders Lancia, die den Anschluss in den europäischen Kleinwagensektor nie richtig schaffen konnte, musste seine Modellpalette drastisch eindampfen.

Und dann kommt ausgerechnet ein luxuriöser Kleinwagen und verlängert die Lebensdauer dieses italienischen Automobilherstellers. Der Lancia Y/Ypsilon ist momentan der einzige Lichtblick in der auf ein Minimum reduzierten Modellpalette von Lancia. Ein Fahrzeug mit einem eigenen Gesicht. So wie alle Lancia Modelle, unverwechselbar und gewöhnungsbedürftig.

Im Augenblick ist völlig unklar, ob Lancia 2016 noch Fahrzeuge verkaufen wird oder ob den Ingenieuren nicht doch noch ein weiterer Coup gelingen sollte. Lancia baut zwar für Chrysler den Voyager für den US-amerikanischen Markt, ist mit zwei Fahrzeugmodellen aber auch wieder nur ein Exot, also eigentlich kein italienisches Märchen mehr.

Lancia Ypsilon

Fotoquelle:
Lancia Theta – Fiat Deutschland
Lancia Logo von 1911 – Wikimedia SurfAst
Lancia Thesis – Wikimedia
Lancia Ypsilon – Fiat Deutschland
Lancia Delta S – Fiat Deutschland

 

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