Neue Verbrauchsmessung: WLTP statt NEFZ

Beim Autokauf ist der Kraftstoff-Verbrauch für viele entscheidend. Dieser NEFZ-Wert wird von den Herstellern angegeben, ist aber meist von den in der Realität erfahrenen und verbrauchten Kraftstoffmengen weit entfernt. 2017 kommt die amerikanische Messmethode WLTP als Standard auch nach Europa. Was ändert sich?

Aktueller Standard: NEFZ

Bevor Autos auf den Markt kommen, wird u.a. auch ihr Kraftstoffverbrauch von den Herstellern kommuniziert. Um möglichst vergleichbare Aussagen und Werte zu verschiedensten Autos zu erhalten, müssen die gleichen Rahmenbedingungen bei der Messung eingehalten werden.

In Europa gültig ist der NEFZ (neuer Europäischer Fahrzyklus). Wenn ihr die Fahrberichte von Jens lest, seht ihr sehr schnell, dass Jens regelmäßig vom NEFZ abweicht – und zwar deutlich und in der Regel nach oben. Sprich: Er verbraucht meistens (etwa 2 Liter) mehr als von den Herstellern angegeben.

Das kennt wahrscheinlich fast jeder von euch: Guten Gewissens ein recht „grünes“ Auto mit einem durchschnittlichen Verbrauch von etwa 5 Litern auf 100 Kilometern gekauft, landet ihr doch regelmäßig bei knapp 7 Litern – so geht es zumindest mir.

Gründe liegen in der idelatypischen Testumgebung, in der die NEFZ-Messung erfolgt: Auf dem Rollprüfstand, mit Spritsparreifen und Leichtlauföl und ähnlich realistischen Gegebenheiten. Viele Kritiker sprechen in dem Kontext von Laborbedingungen, die weit von der Realität entfernt sind und bezichtigen die Automobilhersteller der „Verbrauchslüge“.

WLTP als Rettung?

Nun soll 2017 WLTP (Worldwide Harmonized Light Duty Test Procedure) als neue Messmethode kommen. In Amerika benutzt man den WLTP-Standard schon länger und vergleicht man die Herstellerangaben baugleicher Fahrzeuge in Europa und in Amerika, dann fällt schon die ein oder andere Diskrepanz auf…

In Amerika sind die Angaben wesentlich näher am Realverbrauch als bei uns, denn die Testbedingungen sind realitätsnäher, unter anderem wird beispielsweise eine Fahrt im Berufverkehr simuliert und das Einschalten von Klimaanlage bzw. das Benutzen von Sonderausstattungen findet ebenfalls Berücksichtigung.

Neuer und alter Fahrzyklus im Vergleich - WLTP löst NEFZ ab (Quelle: VDA -https://www.vda.de/de/themen/umwelt-und-klima/nefz-und-wltp/nefz-und-wltp.html)
Wenn vom Hersteller angegebener Verbrauch und tatsächlicher Verbrauch weit auseinanderliegen, dann können Autobesitzer in Amerika klagen. In den letzten Jahren wurden regelmäßig über einzelne Baureihen und ihre Verbräuche vor Gericht entschieden – zu Gunsten der Autofahrer.  Diese „Kundenorientierung“ ist sicherlich ein Hauptgrund für die realistischeren Messmethoden und demenstprechend auch den präziseren Angaben.

CO2-Emissionsangaben

NEFZ und WLTP messen jedoch nicht nur den durchschnittlichen Verbrauch, sondern untersuchen auch den CO2-Ausstoß. Und da kommen die von der EU festgelegten zukünftigen Höchstgrenzen für CO2-Emissionen ins Spiel.

Die Autobauer sind durch Regelungen aus Brüssel seit 2009 dazu verpflichtet, die CO2-Emissionen ihrer Neuwagen drastisch zu reduzieren: 2015 sind noch 130 g CO2 pro Kilometer erlaubt, 2020 – das Langfristziel – nur noch 95 g CO2/km.

Zielbild: Weniger CO2-Emissionen bei Neuwagen
Der realitätsnähere Messzyklus WLTP fördert natürlich auch andere – oft höhere – Angaben zur CO2-Emission zu Tage. Beschlossen wurden die Emissionsgrenzen allerdings zu Zeiten der NEFZ-Messung – und da liegt ein Problem.

Ferdinand Dudenhöffer (Professor an der Uni Duisburg-Essen, Gründer und Direktor des CAR – Center Automotive Research an eben der Uni) hat in dem Kontext eine Untersuchung gemacht. Sie belegt, dass Fahrzeuge unter realitätsnahen Bedingungen 27% mehr Sprit verbrauchen und Schadstoffe ausstoßen als angegeben.

Wenn man das auf die anvisierten 130 bzw. 95g hochrechnet, erkennt man schnell die große Lücke und die Höchstgrenzen scheinen unerreichbar.

WLTP 2017 auch bei uns – und dann?

2017 soll er nun also kommen der neue Messzyklus. Doch was dann?

Wir können auf jeden Fall mit präziseren Angaben beim Spritverbrauch rechnen; die viel beschworene „Verbrauchslüge“ wird daher wohl der Vergangenheit angehören.

Allerdings hat der WLTP nicht nur positive Seiten. Experten befürchten, dass die durch den WLTP noch schwerer zu realisierenden CO2-Ziele die Hersteller zu extremen Maßnahmen wie Downsizing, Hybridisierung oder Leichtbau zwingen werden und das wird sich wiederum in steigenden Verkaufspreisen niederschlagen.

Wie steht ihr zur neuen Messtechnik? Findet ihr es gut, dass endlich realitätsnahere Bedingungen geschaffen werden, die auch der neuen Technik (Hybrid- und Elektroautos) Rechnung tragen oder befürchtet ihr ebenfalls eine Verteuerung der Neuwagen?

 

Umfangreiche Informationen zum Thema NEFZ und WLTP hat der Verband der Deutschen Automobilindustrie zusammengestellt.

 

Fotoquelle:
Tankanzeige: Dwitt/iStock/Thinkstock
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Neuer und alter Fahrzyklus im Vergleich – VDA

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