Irrwege der mobilen Evolution – Motorräder mit Frontantrieb

Na, was verbindet Ihr mit Frongraich? Baguette, Eiffelturm, Haute Couture, die Ente, Gauloises? Ja, passt schon, dazu gehört aber auch die „Velosolex“ aus Paris…

Velosolex (Solex 3800. Year 1966. Santiago de Compostela, Galicia, Spain. Luis Miguel Bugallo Sánchez (Lmbuga), https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Velosolex?uselang=de#/media/File:Solex_3800._Ano_1966-1.jpg)

Ein stabiles Damenfahrrad mit einem Motörchen (bis 49ccm) über dem Vorderrad. Mit einem kleinen Hebel kann der gesamte Antrieb abgesenkt werden, eine Reibrolle treibt dann das Vorderrad an. Mit einem leichten Zug am Hebel wird ausgekuppelt, der Motor läuft dann im Leerlauf weiter.

Eine simple und geniale Idee, die Velosolex war leise, flott, gleichermaßen durch Landpfarrer und Großstadbohème genutzt und geliebt. Bei Regen gab es leichte Traktionsschwächen, aber meist kam man vorwärts.

Gebaut wurde die Velosolex von 1946 bis 1988, wer sie mal gefahren hat, kann süchtig werden… und noch heute hat sie eine treue Fangemeinde, die das einfache und robuste Gefährt hoch schätzt.

In anderen Ländern gab es ähnliche, jedoch nicht so dauerhaft erfolgreiche Konstruktionen. Im armen Nachkriegs-Deutschland waren beispielsweise die/der „Flink“ der Motorenwerke Varel und als bekannteste Konstruktion der „Rex“ mit Keilriemenantrieb auf das Vorderrad im Angebot.

Rex

Bei der Velosolex gibt es eigentlich eher die beiden Modi Vortrieb oder Ausrollen, bei dem mit bis weit über 1,0 PS (es wird von Werten bis 1,5 PS gemunkelt) bis zu dreimal so starken Motoren des Rex kann man echte Beschleunigung erleben (bei den von uns im kindlichen Alter veranstalteten Wettfahrten lag der Rex zumindest immer vor der Velosolex!).

Technisch sehr interessant sind natürlich Nabenmotoren, die im Vorderrad saßen, in Nachkriegs-Deutschland war der Nordap wohl der bekannteste Vertreter.

All diese Gefährte waren im Nachkriegs-Europa aus der Not geboren, mit ihnen konnte mit minimalem materiellen Einsatz von jedermann auch größere Strecken individuell zurückgelegt werden.

Und das war eine Wiederholung der Zwischenkriegsjahre. Nach dem ersten Weltkrieg war der kreative Umgang mit Mangel ebenfalls erste Pflicht.

Heraus kam dabei zum Beispiel die Konstruktion von NSU die „Motosulm“ (1931 – 1935), ein 63 ccm Zweitakter mit einem PS, in Frankreich die „Cyclotracteur“ (wie die Velosolex mit Reibrollenatrieb), und die „Flottweg“ aus München, gebaut von Gustav Otto, dem Sohn von Nicolaus Otto, einem der Miterfinder des Viertakters.

Cyclotracteur (http://www.motohistory.net/news2011/news-sept11.html, Museum Amneville )

Die Flottweg erzeugte mit einem Viertakter aus ca. 120ccm Hubraum auch ein PS, im Vorderrad lief ein Planetengetriebe, das sowohl als Untersetzung als auch als Kupplung diente.

Hochkomplex, aber es funktionierte…

Einband der Bedienungsanleitung einer alten Flottweg

Viel einfacher waren dagegen die meisten Konstruktionen von Fritz Gockerell (nannte sich meist „Cockerell“), verschiedene kleine Zweitakter in unterschiedlichen Konstruktionen wie zum Beispiel den „Piccolo“ brachte der umtriebige Konstrukteur auf den Markt.

Und nicht nur diese einfach gebauten Teilchen, sondern auch die berühmte „Megola“ entsprang seinem kreativen Geist: Megola, ein Name wie Donnerhall in der Motorradgeschichte, obwohl zwischen 1921 und 1925 nur ca. 2.000 Exemplare gebaut wurden… Warum?

Die Megola hatte einen mitlaufenden 5 Zylinder-Sternmotor mit 640 ccm mit bis etwas über 10 PS in der Vorderradnabe, die Kraft wirkte über ein Planetengetriebe ohne Kupplung oder Gangschaltung direkt auf die Achse.

Megola (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MHV_Megola_02.jpg?uselang=de)

Für den Stadtverkehr war der Bolide nicht gebaut – ein Halt bedeutete zwangsläufig, dass der Motor neu gestartet werden musste. Auf Touren oder der Rennstrecke konnten Fahrer das Drehmoment des elastischen Motors jedoch angemessen nutzen. Immerhin wurde Toni Bauhofer 1924 auf einem Megola-Sportmodell erster deutscher Meister bei Motorrädern über 500ccm.

Beeindruckend ist die Megola auch in Aktion!

Aber die Cockerellschen Konstruktionen waren nicht die ersten Produkte dieser Bauart!

Unter den Pionieren der Motorradhersteller sind beispielsweise zu nennen die mit Riemenantrieb ausgestattete versehene „Cyklon“ aus Berlin, eine 300er, die von 1900 bis 1905 gebaut wurde.

Cyklon („ZweiRadMuseumNSU Cyklon 1900“ von Joachim Köhler - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ZweiRadMuseumNSU_Cyklon_1900.JPG#/media/File:ZweiRadMuseumNSU_Cyklon_1900.JPG)

Zu guter Letzt schließt sich nun der Kreis: Auch in Paris kam 1897 die „Motocyclette“ der Gebrüder Werner heraus. Als eines der ersten in großen Mengen hergestellten Motorräder (217 ccm, 4Takter, fast ein PS stark) „überschwemmte“ diese Konstruktion bis 1901 in (niedriger) vierstelliger Stückzahl sozusagen den gesamten Markt.

„Motocyclette“ der Gebrüder Werner (Fop Smit, Veteran Motorrijwielen 1885 – 1930, uitgevereij de alk, alkmaar)

Lassen wir das kurz Revue passieren: In den letzten 120 Jahren zeigte sich, dass der Frontantrieb bei Motorrädern nur mit geringer Motorleistung sinnvoll nutzbar ist.

Das Problem des kaum zu beherrschenden Schlupfs am Vorderrad bei Beschleunigung in Schräglagen bleibt mechanisch wohl unlösbar – der am Hinterrad relativ gut beherrschbare Slide-Effekt dürfte am Vorderrad auch mit einer elektronischen Feinsteuerung analog einer Anti-Schlupf-Regelung kaum in den Griff zu bekommen sein.

Es gibt zwei Grundmuster, wie so ein Fahrzeug konstruiert werden kann: Motor im Vorderrad oder Motor über dem Vorderrad. Die erste Lösung mit Nabenmotoren ergibt zwar einen niedrigen Schwerpunkt, aber große ungefederte Massen, die einen guten Bodenkontakt schon bei leicht welligem Untergrund erheblich erschweren.

Aus der Position des über dem Vorderrad liegenden Motors folgt dafür ein hoher Schwerpunkt, der zwar bei der Velosolex beherrschbar ist, bei schnelleren Objekten aber für erhebliche Instabilität sorgt.

Eine für den Alltagsbetrieb zufriedenstellend nutzbare Lösung für stärkere Fahrzeuge wurde trotz zahlreicher Anläufe nicht gefunden.

Aber es zeigt sich ein Silberstreif am Horizont: Seit es mit dem Elektroantrieb möglich ist, Motoren unproblematisch in Vorderradnaben einzubauen, erleben zumindest Frontantrieb-Mofas eine kleine Renaissance. Das könnt ihr einfach mal ausprobieren, Zweiräder mit Frontantrieb fahren sich wirklich ulkig!

P.S.
Über ein Objekt bin ich gestolpert, von dem ich zuvor nichts gehört hatte: Die Killinger & Freund von 1938, die einen Dreizylinder Radial-Motor (2-Takter mit Drehschieber) und 2 Gang-Getriebe im Vorderrad gehabt haben soll…

Leicht. Elegant. Einzigartig. Das wäre mal ein Scheunenfund für mich!

Hier zwei Links zu weiteren Infos: Wikipedia und das Blog der Motorbiker.

P.P.S.
Nicht erwähnt habe ich hier die ROKON mit Allradantrieb… habt etwas Geduld – der Tag wird kommen!

 

Bildquelle
Velosolex: Wikimedia – Luis Miguel Bugallo Sánchez (Lmbuga)
Cyclotracteur: motohistory.net
Megola: Wikimedia – MartinHansV
Cyklon: Wikimedia – Joachim Köhler

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