Mobilität in China

Heute lassen wir wieder eine Gastautorin zu Wort kommen. Isolde verbringt als Schülerin ein Jahr in einer chinesischen Gast-Familie und berichtet vom Straßenverkehr in China:

Nochmal tief durchatmen, links – rechts – links schauen, und den ersten Schritt auf die Straße machen. Ich schrecke sofort wieder zurück: Wieso fährt das Auto auf der falschen Seite der Straße??

Ich schaue zögerlich zum Zebrastreifen 100 Meter entfernt, verwerfe den Gedanken aber gleich wieder: Da werden die Autos auch nicht langsamer, geschweige denn, dass sie anhalten – aber der Zebrastreifen ist immerhin dekorativ!

Eigentlich sollte ich daran gewöhnt sein: Seit mittlerweile fünf Monaten lebe ich hier in Mile, einer kleineren Stadt (nur 600.000 Einwohner) in der „Frühlingsprovinz“ Yunnan im Süden Chinas, doch ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mich mit dem Verkehr nicht wirklich anfreunden kann.

Schön ist, dass teilweise noch altertümliche Fahrzeuge durch die Gegend bewegt werden, die ich in Deutschland noch nie gesehen habe:

Mobilität in China: Lastenrad

 

Zum einen ist da das Überqueren der Straßen:

Es dauert Stunden, bis sich mal eine Lücke auftut. Außerdem bereitet es mir immer ein bisschen Kopfzerbrechen, dass die Fahrer mehr an meinen blonden Haaren interessiert sind als am Verkehr: Für viele bin ich die erste Ausländerin, die sie je gesehen haben.

Die sowieso eher begrenzte Konzentration scheint durch eine nicht schwarzhaarige Person am Straßenrand (außer mir – blond – kenne ich noch einen Menschen hier mit braunen Haaren) weiter gemindert zu werden.

Und dann ist da natürlich das Autofahren – selbst darf ich das noch nicht, bin noch zu jung, also genauer gesagt, das Mitfahren als Passagier:

Als ich das erste Mal in ein chinesisches Auto stieg, hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde.

Ich quetschte mich mit drei anderen Leuten auf die Rückbank. Davor hatte ich schon darüber nachgedacht, dass es ja dann gar nicht genug Anschnallgurte für alle geben würde, aber, naja, es gab überhaupt keine. Wenn sie denn vielleicht vorhanden waren, waren sie gut unter einem rosa-roten Bezug aus billigem Kunstsamt und seeehr vielen Rüschen versteckt.

Außer mir schien das jedoch niemanden zu stören. Während ich mich also krampfhaft am Vordersitz festzuhalten versuchte, redeten alle Chinesen im Auto munter durcheinander und schienen nichts von dem Verkehr mitzubekommen (Oh Gott, auch der Fahrer!).

Ich aber schon: Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Fahrer es mit der Geschwindigkeitsbegrenzung und sonstigen straßenverkehrsbezogenen „Empfehlungen“ nicht allzu genau nahmen.

Und das hat sich in der Folge bestätigt: Insgesamt werden hier die Verkehrsregeln oft nicht ernstgenommen.

Es kann einem schon mal passieren, dass man an motorradfahrenden Kindern (und damit meine ich richtig kleine Kinder) vorbeifährt oder Autos ohne Nummernschilder überholt.

Mobilität in China: Werbung statt Zulassung auf dem "Nummernschild"

Und das in einem stets vollen Straßenraum, in dem sich jeder nach Kräften zu entfalten sucht…

Was lernt der regelbeachtende Mitteleuropäer daraus? Irgendwie funktioniert es auch ohne Beachtung der engen Grenzen der Gesetze… aber mit fühle ich mich wohler!

Mobilität in China: Fährt angeblich wie ein Engel

Matthias hatte letztens von seinen Erfahrungen in Brasilien berichtet, Verena war in England unterwegs und Isolde hat ihre Eindrücke aus China mitgebracht. Habt ihr auch was zu erzählen? Wie erging es euch in fremden Ländern mit dem Auto?

GASTBEITRAG von Isolde Hegemann

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