Motorindustrie in Belgien – Autos und Motorräder

Autos und Motorräder aus Belgien? Hat der Auto-Autor zu viel Jupiler, Geuze oder Lambiek genossen? Klingt als Vorhaben zwar auch nicht uninteressant, hat er aber nicht. Nein, hat er nicht.

Und wird es ein kurzer Beitrag? Irgendwie auch nicht… ich habe es wirklich versucht, aber es gibt viel zu berichten.

Ein Blick nach Wikipedia zerstreut letzte Zweifel: 149 Auto-Marken sind dort aufgeführt, dazu sechs Motorradhersteller – andere Quellen geben hier noch viel mehr her, hättet ihr das gedacht? Ich habe ein paar rausgepickt, die euch dringend vorgestellt werden müssen, die alphabetische Reihenfolge bietet sich hier an.

APAL

Aus der jüngeren Vergangenheit ist somit zuerst APAL zu nennen: Zunächst brachte APAL in den 60ern flott gestylte Sportwagenkarosserien aus Kunststoff unters Volk, und wer Fiberglas beherrscht, kann die unterschiedlichsten Sachen damit anstellen – so wurde APAL 1968 auch einer der europäischen Buggy-Pioniere, und lebte davon nicht schlecht bis 1980.

Apal Coupé 1965 (Von André Ritzinger - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3744296)

Man hatte aber nicht nur Buggys, sondern auch reichlich andere Karosserieformen im Angebot, der belgische Apalclub hat eine sehenswerte Fotosammlung!

Belga Rise

Belga Rise war ein Brüsseler Ableger der französischen Marke Sizaire Frères und baute Wagen von 1929 bis 1938. Diese kleine Firma startete mit der Produktion des zuvor in Frankreich eingestellten Sizaire, einem Oberklassewagen mit 2,9-Liter 6-Zylinder Knight-Motor (Lizenz von Willys-Overland). 1932 gab es dann den BR6 mit 3-Liter 6-Zylinder und den BR8 mit 4,1-Liter 8-Zylinder, die Motoren stammten von verschiedenen Lieferanten. Repräsentative Fahrzeuge, kommerziell kein großer Erfolg.

Belga Rise 8C Saloon mit Karosserie von Vesters et Neirinck (Von André Ritzinger - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3920379)

Plastikkarosserien auf Käferbasis o.ä. oder von anderen übernommene Konstruktionen, gut und schön, hatte Belgien nicht mehr zu bieten?

FN

Doch, hier kommt einer der großen Namen der Technikgeschichte: FN. Die mit Rädern ausgestatteten Produkte des bekannten Waffenherstellers Fabrique Nationale d’Armes de Guerre aus Herstal waren klasse!

Motorräder: Man startete 1901 mit einem Einzylinder, das erste Vierzylinder-Motorrad mit Antriebswelle nach hinten baute FN dann ab 1905, 1926 wurde diese Reihe eingestellt. Technisch hervorragend konstruiert gut gebaut, ein überzeugendes Produkt.

FN Vierzylinder, 363 ccm, 1905 (Door Yesterdays Antique Motorcycles en Classic Motorcycle Archive, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2952271)

In den 20ern kamen feine Viertakt-Einzylinder mit 350-500 ccm auf den Markt, tolle Motorräder, die M67 erhielt den Beinamen Sahara, weil sie anstandslos tausende Kilometer durch die Sahara gefahren wurde. In Deutschland durften die hochgeschätzten FN dann in den dunklen 1000 Jahren nicht verkauft werden, dazu wurde dann die BAM gegründet: die Berlin-Aachener-Motorenwerke des Aachener FN-Händlers schummelte die FN ein paar Jahre lang als BAM unters deutsche Volk. Das konnte froh darüber sein. Heute sind die wenigen überlebenden BAM gesuchte seltene Stücke – ich hätte meine behalten sollen.

Nach dem Krieg ging es weiter, dabei war auch die Typ XIII: ein supercoooles Teil, 350 und 450ccm Einzylinder ohv- und sv-Motoren, Gummibandfederung im Cantilever hinten, vorne zunächst eine Langschwinge mit Zugfedern, für das Militär auch mit Gummibändern, schließlich mit einer Teleskopgabel. Die beiden ersten sehen schräg aus, funktionierten aber hervorragend – Hingucker!

FN XIII (Von Beademung in der Wikipedia auf Deutsch - Eigenes Werk (Originaltext: eigene Aufnahme), CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32124782)

Wie bei vielen anderen verabschiedet man sich dann in den frühen 60ern von den Zweirädern. Einen bebilderten Überblick über die Modellgeschichte gibt es hier.

Vierräder gab es auch, die Geschichte war hier nicht so lange… Zwischen 1900 und 1935 baute FN Wagen der Mittel- bis Luxusklasse, Kunde war neben dem belgischen König auch der Schah.

FN 1300 Sport (Von André Ritzinger - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3957559)

Schöne Fahrzeuge, ab 1935 bis in die 60er bot man dann Laster und Busse an, da waren die schicken Zeiten vorbei!

Gillet Herstal

Aus Herstal kam auch die Marke Gillet Herstal. Kleine Dreiradwagen waren dort nur 1928/1929 im Angebot, Motorräder von 1919 bis 1958. Die bekannteste Gillet war sicherlich die Tour du Monde, ein 350er-Zweitaktmotorrad, das es 1928 in zwei Exemplaren um die Welt schaffte, aber auch einen hervorragenden Ruf als sportliches und flottes Alltagsmotorrad hatte.

Gillet Herstal 350ccm Tour du Monde, 1927 (By Alf van Beem (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons)

Imperia

1904 startete M Piedbœuf den Bau von Autos, und er begab sich damit in die Spitzengruppe des Autobaus. Ein Imperia-Wagen erreichte 1910 über 144 km/h in Brooklands, USA.

Imperia Abadal (Von Imperia-Abadal - Übertragen aus nl.wikipedia nach Commons durch Krinkle mithilfe des CommonsHelper., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8886092)

Nach und nach wandte man sich immer günstigeren Wagen zu, baute zum Beispiel kleine Adler und Wagen anderer Marken in Lizenz.

Imperia 7/25 CV 1932 (Von André Ritzinger - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3956164)

Nach dem 2. Weltkrieg ging es dann schleppend so weiter, 1957 lief der letzte für Standard (GB) gebaute Vanguard vom Band.

Métallurgique

Métallurgique baute Autos von 1898 bis 1928, zunächst kleinere 4,5-PS-Zweizylindermodelle mit Kettenantrieb, ab 1905 dann feine Sportwagen, ab 1906 mit satten 10-Litermotoren (10.000 ccm!) und 100 PS. Ein Überauto der damaligen Zeit.

Ab diesem Zeitpunkt wurde die Métallurgique mit dem in der Folge typischen Spitzkühler angeboten, es gab als Sonderausstattung sogar elektrische Scheinwerfer. Mit einer Palette von Mittel- und Oberklassewagen war man die nächsten Jahre gut im Geschäft.

Métallurgique 12/14 HP Sportsroadster, 1921 (Door André Ritzinger - Eigen werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3920875)

In Deutschland wurden sie von der Firma Bergmann in Lizenz als Bergmann-Metallurgique gebaut, nachdem die Bergmann Elektrizitätswerke die Produktion ihres Elektrowagens eingestellt hatten.

1927 wurde Métallurgique von Imperia geschluckt, die wiederum 1934 übernommen wurde von Minerva, dem nächsten Namen im Alphabet – es bleibt schick.

Minerva

Minerva stellte ebenfalls Zwei- und Vierräder her. Der göttliche Name verheißt ja ein gewisses Niveau – das boten die Minervas immer!

Motorräder gab es nur von 1900 bis 1910, gute Fahrzeuge. Die 1902 auf den Markt gekommene Motorkonstruktion war so gut, dass sie europaweit in den nächsten Jahren von 75! Unternehmen in Lizenz produziert worden sein soll.

Parallel dazu wurden kleine Wägelchen gebaut, die Minervettes, die in ganz Europa erfolgreich verkauft wurden. Dazu kamen jedoch auch Fahrzeuge am anderen Ende der Anspruchsskala: Absolute Luxuswagen, die jedem Vergleich mit anderen Oberklasse standhielten.

Minerva 8AL Rollston von 1931 (Von Ramgeis - fotografiert von Ramgeis, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=604358)

Für 1936 wurde an einem Prototyp eines neuen Minerva der obersten Luxusklasse geschraubt mit Frontantrieb, 3,6 Litern und Automatikgetriebe. Es blieb beim Prototyp. Und damit war Minerva Geschichte.

Nagant

Als nur bei Oldtimerkennern bekannte Marke möchte ich den Nagant erwähnen,. Von 1900 bis 1928 stellte die in Lüttich beheimatete Waffenfabrik der Nagant Frères zunächst Lizenzbauten französischer Marken, ab 1907 eigene Fahrzeuge her, 4- bis 6-Zylindermaschinen mit bis zu 6 Liter. Unspektakuläre Oberklasse.

Nagant 1909, Typ D 14/16 HP, Town Car (Von AlfvanBeem - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15716118)

Saroléa

Mit der Marke Saroléa komme ich zum Ende meiner Aufzählung. Auch dieser Waffenhersteller aus Herstal baute ab 1896 für kurze Zeit Motordreiräder und Kleinwagen, großen Ruhm erwarb man sich jedoch mit den von 1903 bis 1960 gebauten Motorrädern. Nach verschiedenen Motorkonstruktionen wandte man sich in den 20er Jahren immer mehr dem englischen Stil zu… die Resultate waren sehenswert:

Saroléa S6 mit 600 ccm, 1936 (Von Yesterdays Antique Motorcycles en Classic Motorcycle Archive, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2952588)

Wie bei fast allen anderen Motorradherstellern brach die Nachfrage Mitte, Ender der 50er Jahre ein, mit 2-Taktern verabschiedete sich auch dieser große Name von der Bildfläche.

Die zahlreichen Modelle sind schwer zusammenzufassen, den wohl besten Überblick bekommt man hier!

 

Hier bin ich am Ende meiner kurzen Vorstellung des belgischen Fahrzeugbaus, das war schon einiges, aber aus alten Zeiten noch lange nicht alles!

Und es soll auch in der Zukunft weitergehen. Die beiden Marken Imperia und Saroléa geben in den letzten Jahren Lebenszeichen von sich. Der Ruf trägt noch!

Schaut hier, was die Menschen damit vorhaben:

Imperia Sportwagen 2012 (Von Sachapetrovic - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20599911)

Besonders spannend für den E-Fahrzeug-Freund die Nachrichten zu den Saroléa-Motorrädern! Hier entstehen gerade Sportmaschinen auf höchstem Niveau, das werden wir die nächsten Jahre verfolgen.

Fotoquellen:
Apal Coupé: Wikimedia – André Ritzinger
Belga Rise: Wikimedia – André Ritzinger
FN Vierzylinder: Wikimedia – Piero
FN XIII: Wikimedia – Beademung
FN 1300 Sport: Wikimedia – André Ritzinger
Gillet Herstal: Wikimedia – Alf van Beem
Imperia Abadal: Wikimedia – Imperia-Abadal
Imperia 7/25 CV: Wikimedia – André Ritzinger
Métallurgique: Wikimedia – André Ritzinger
Minerva: Wikimedia – Ramgeis
Nagant – Wikimedia – Alf van Beem
Saroléa: Wikimedia – Piero
Imperia Sportweagen 2012: Wikimedia – Sachapetrovic

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