Die munteren 98er

Die 98er bewegten die Massen! Die 98er waren eine Zweiradklasse, die die Mobilität in Deutschland massiv veränderte. Und das kam so:

1935 wurde im Deutschen Reich nach ein paar Jahren wieder eine einheitliche KFZ-Steuer eingeführt – steuerfrei blieben Zweiräder unter 100 ccm. Und das bescherte diesen Maschinen einen bis dahin für unmöglich gehaltenen Boom. Tatsächlich wurde damit motorgetriebene individuelle Mobilität für jeden erschwinglich.

Auch die Versicherungsprämien waren relativ übersichtlich. Diese Entwicklung ging auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter, bis in die 50er Jahre hinein verkauften sich die 98er wie geschnitten Brot.

Was war so im Angebot?

Der große Hersteller NSU bot von 1936-1953 die Quick an, ein irdenes Gefährt mit 3 PS Motor, unverwüstlich und mit Tretkurbeln ausgestattet, vorne gab es dafür eine Trapezgabel, hinten einen Starr-Rahmen.

NSU Quick 1936 – Spartanisch, aber bewegt sich (Von Joachim Köhler - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1615202)

Dieses billigste Motorfahrrad der Welt wurde insgesamt über 230.000 Mal gebaut.

Ergänzend gab es von 1948 bis 1954 die edle Viertakt-“Fox“, ein Motorrad-Meisterwerk mit knapp 6 PS, Preßstahlrahmen mit Cantilever hinten, schicken Farben und Spitzenfinish.

NSU FOX 101 OSB 1954 - Edel: Viergang-Getriebe, Luxusausführung mit verchromten Felgen (Von Andreas Mehlhorn, Kettenkrad - Eigenes Werk, GFDL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12187567)

Mit der Quick kam man bergab auf 60 km/h, die Fox schwang sich in Richtung 90 km/h auf. Hieraus wurden die Sportföxe entwickelt, die mit 10 PS die 100 km/h Marke knacken konnten.

Um alte Quicks und Föxe kümmert sich die NSU-Zweirad-IG.

Die kleine Adler M100, im Angebot von 1949-1956, war eine extrem zierliche Zweitaktmaschine, der muntere 4 PS-Motor bewegte ein sehr hochwertig produziertes Motorrädchen. Seht euch die Geradweg-Hinterradfederung an, dazu die Seitenständer unter den Fußrasten.

Zierliche Adler M100 - Der Sattel befindet sich knapp über Kniehöhe… (By ChiemseeMan at German Wikipedia (Transferred from de.wikipedia to Commons.) [Public domain], via Wikimedia Commons)

Die ca. 35.000 Mal gebaute M100 war die Basis für die ganze Familie der hervorragenden Adler-Nachkriegs-Zweitakter. Spitzenqualität aus Frankfurt!  Es kümmert sich der Adler-Motor-Veteranen-Club.

Die Imme war noch seltener: 1949 kam die Imme R100 (gebaut in Immenstadt) auf den Markt, konstruiert von Norbert Riedel. Auf Grund der Materialknappheit fertigte Riedel aus einem Rohrtyp mit stets gleichem Durchmesser den kompletten Rahmen, den Lenkkopf, das Schwingenlager, die einarmige Parallelogrammgabel und die ebenfalls einarmige Hinterradschwinge; letztere war nicht nur als Triebsatzschwinge gebaut, sie stellt zugleich das Auspuffrohr dar.

Eine Imme R100 im unbehelligten Originalzustand - Wer mag sie aus dem Schlaf in der Scheune erwecken?

Einige weitere Besonderheiten machten das 4,5 PS starke und nur 57 kg schwere, stets „oxydrot“ lackierte Krad zum echten Exoten – bis zur Einstellung der Produktion 1951 wurden trotzdem immerhin 12.000 unters Volk gebracht.

Imme Fahrer und Interessierte treffen sich z.B. im „Immen-Schwarm“.

Wieder zu einer der großen Motorradfirmen: DKW.

1934 bis 1940 baute DKW in insgesamt 70.000 Exemplaren die RT 2 ½ PS, später RT 3 PS (manchmal auch einfach RT100 genannt).

DKW RT 3 PS von 1939 (Von ChiemseeMan in der Wikipedia auf Deutsch(Originaltext: Späth Chr.) - Selbst fotografiert, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2152966)

Als richtiges Motorrad mit Kickstarter und festen Pedalen war sie auch mit Dreiganggetriebe ausgestattet, hinten nur mit Starrahmen. Ein attraktives Paket, die RT100 wurde zur RT125 weiterentwickelt, dem meistkopierten Motorrad der Welt!

Die bisher genannten Hersteller hatten komplette Eigenkonstruktionen im Verkauf.

Es gab jedoch zwei Motorenhersteller, deren 98ccm-Motörchen ausgesprochen häufig von den sogenannten „Konfektionären“ verbaut wurden, das sind Firmen, die aus zusammengekauften Komponenten anderer Unternehmen Motorräder herstellen.

In Pinneberg saß die Firma Ilo, deren Name sich aus dem Esperanto-Wort „ILO“ = „Werkzeug“ ableitete. Ilo war ein erfolgreicher Motorenhersteller, dessen Produkte für Ackerfräsen, Waggonrangiermaschinen, Stationärmotoren etc. genutzt wurden. Nachdem man von 1924 bis 1926 selbst den Motorradbau versucht hatte, gab es in der Folge Einbaumotoren für andere Motorradbauer, erfolgreich waren besonders 250-ccm Zweitakt-Zweizylinder, aber auch die 98 ccm-Einzylinderausführung mit knapp 3 PS wurde gerne genommen, z.B. von den Firmen Geier, Wellerdiek, Bastert und Rixe – hier ein Link auf eine schöne Rixe-Seite, dem Sonnengelben sei Dank.

Bleiben wir bei Rixe – den Namen kennt man heute doch noch…

Rixe bezog auch Motoren vom erfolgreichsten Motorenhersteller Deutschlands. Der Fichtel&Sachs 98er Motor aus Schweinfurt war das Erfolgsmodell der 30er bis 50er Jahre. Hervorgegangen aus dem 74ccm F&S Maschinchen von 1932 wurden bis Mitte der 50er Jahre ca. 800.000 Stück der 98er Motoren hergestellt.

Das ist er, der F+S 98! (Carl Otto Windecker Handbuch der Kraftfahrzeugtypen Band 1 Werner Degener Verlag Hannover 1948)

Auch hier sorgten überschaubare 2,25 bis 3 PS für Fortbewegung. Die Gefährte waren unverwüstlich, die Wartung war kinderleicht.

Eingebaut wurden sie von vielen Herstellern, hier mal eine kleine Liste, es waren viel mehr:

Anker, Bauer, Bismarck, Brennabor, Bücker, Diamant, Dürkopp, Excelsior, Express, Hecker, Hercules, Mars, Meister, Miele, Panther, Phänomen, Presto, Rixe, Torpedo, Triumph, Victoria, Wanderer…

Die Namensliste zeigt, dass auch Firmen mit hervorragendem Ruf aus den Gründerjahren der Motoradherstellung wie Hercules und Wanderer den Antrieb ohne Bedenken nutzen konnten, der Motor war sehr einfach und sehr gut.

Hier mal eine bunte Sammlung diverser Exemplare der F&S 98er:

Anker, F&S 98, 1938 aus Motorräder von gestern, Verlag Walter Podszun, Brilon

Miele, F&S 98, hier eine späte Ausführung mit dem praktischen Schalthebel neben dem Gasgriff (CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1416321)

Victoria 100ccm, 1939 (Von Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben. Es wird ChiemseeMan als Autor angenommen (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben). - No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2246474)

Motorfahrrad Panther TS, 1954, F&S 98 (Von Ruecki aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25096258)

Wanderer, F&S 98 (Von dé.wé. from Germany - Wanderer Motorrad, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32257408)

Da es sich um Konfektionäre handelt, war die Spanne der Ausführungen riesig: von Simpel-Schwarz bis hin zu schickem Metallic-Grün, Herrn- und Damenrahmen, etc.

Viele Infos zu den Sachs-Vorkriegsmaschinen findet ihr hier, Nachkriegs-Spezialisten können auf dieser Seite fündig werden, und diese Seite bietet beides….

Wie ihr seht, sind die 98er ein buntes Völkchen. Sie sind ein günstiger Einstieg ins Oldtimerhobby, Ersatzteile sind fast alle günstig zu bekommen, und man hat die Wahl zwischen archaisch anmutenden Vorkriegs-Geräten mit Tankschaltung, Fahrradpedalen und Trapezgabel bis zu schicken kleinen Motorrädern mit viel Chrom und Metalliclack.

Und auch wenn sie etwas behäbig sein mögen… damit auf kleinen Landstraßen über die Dörfer reiten macht richtig Freude – versprochen!

Fotoquellen:
NSU Quick: Wikimedia – Joachim Köhler
NSU FOX 101: Wikimedia – Andreas Mehlhorn
Adler M10: Wikimedia – ChiemseeMan
DKW RT: Wikimedia – ChiemseeMan
Miele: Wikimedia
Victoria: Wikimedia – ChiemseeMan
Panther TS: Wikimedia – Ruecki
Wanderer: Wikimedia – dé.wé.

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