Überraschende Vielfalt: Motorräder aus Tschechien

Wenn einer eine Reise tut…

Prag ist ja sowieso eine Reise wert, und wenn man länger dort verweilen kann, so wie ich neulich, sollte man sich nicht nur Architektur, Geschichte, Kunst, Knedliky und Pivo widmen, sondern auch den Besuch des tschechischen Technikmuseums in Prag erwägen.

Zu sehen gibt es vor allem einen Überblick über die tschechische Mobilitätsgeschichte: Eisenbahnen, Flugzeuge, Fahrräder, Motorräder und Autos – ihr denkt, „Na, was soll da schon zu sehen sein?“ Weit gefehlt!

Hier ist nämlich eine gute Übersicht über die Produkte der tschechischen Motorradhersteller zusammengetragen!

Zu nennen sind natürlich die „Slávia“s: Unter diesem Namen verkaufte die tschechische Firma Laurin & Klement aus Mladá Boleslav ihre Motorräder zur Wende ins 20. Jahrhundert und es gab international einige Unternehmen, die diese Konstruktion in Lizenz bauten.

Dieser Pionier der Auto- und Motorradherstellung ist eine der Wurzeln der VW-Tochter SKODA.

Wir starten mit dieser wunderbaren Slávia von 1901:

Slávia, Baujahr 1901

Auch auf dieser „Jelinek“ von 1904 aus Smichov half ein bisschen Gottvertrauen bei der flotten Fortbewegung, die niedliche Hinterradbremse (mehr gab es nicht) dürfte mit den 60km/h Spitzengeschwindigkeit schon ihre Mühe gehabt haben….

Jelinek, Baujahr 1904

Die Slávia CCR Rennmaschine war mit einer Spitzengeschwindigkeit von 85 km/h im Jahr 1905 international erfolgreich!

Slavia CCR, Baujahr 1905

Diese majestätische Walter (ebenfalls aus dem tschechischen Smichov) mit schönem V2-Motor kam (ohne den Seitenwagen) auch auf 70 km/h.

Walter, Baujahr 1909

Die „Motor Company“ aus Prag mit dem erstklassigen 1000er JAP war hochwertig konfektioniert, die Kunden kauften jedoch lieber Importmotorräder mit den gleichen Komponenten, aber internationalem Renommee – sehr schade!

Motor Company, Baujahr 1924

Ebenfalls erfolglos war die schöne „Satan“, eine Konstruktion aus Prag; 1930 auf den Markt gebracht, wurde diese Firma ziemlich umgehend ein Opfer der dramatischen Weltwirtschaftskrise.

Satan, Baujahr 1931

Auch die „Praga““ war eine Marke mit hervorragendem Ruf, aber geringen Stückzahlen.

Praga

In den 30ern ging es dann wieder bergauf, ein Herr Janecek gründete „Jawa“. Und das kam so:

Bei dem Traditionsunternehmen „Wanderer“ im sächsischen Chemnitz hatte man seit den Frühzeiten des Motorrades exzellente Maschinen mit außerordentlichem Qualitätsanspruch gebaut, man soll anfangs sogar selbst Schrauben hergestellt haben, damit sie auch jeder denkbaren Belastung standhielten. Genau zur Zeit der Wirtschaftskrise hatte Wanderer dann prompt das erste Mal ein -zumindest nach dem Dafürhalten der anspruchsvollen Wanderer Kundschaft schlechtes – nur durchschnittliches Motorrad gebaut und stellte wegen der sofort einbrechenden Stückzahlen den Motorradbau ein.

Frantisek Janacek griff zu und produzierte ab diesem Zeitpunkt in Lizenz die Jawa (JAnacacekWAnderer. Die alte 500er Konstruktion wurde bald abgelöst, hier hatte man ein Einsehen; die 175er verkaufte sich wie geschnitten Brot.

Jawa 500, Baujahr 1931
Jawa 175, Baujahr 1937

Als weitere Marke kam 1935 CZ auf den Markt, die hier gezeigte 175er wurde 22.000 Mal an den Kunden gebracht.

CZ 175 Spezial, Baujahr 1937

Die dritte der populären tschechischen Motorradmarken war die „Ogar“, dieses Unternehmen baute immer nur jeweils einen Typ, ausgestellt ist hier die 250er-Zweitakter aus dem Jahr 1937.

Ogar, Baujahr 1937

Die „Böhmerland“ aus Konratice u Suknova war da ein anderes Kaliber: Weltbekannt ob ihrer schieren Größe und der bunten Lackierung wurde sie in wesentlich kleineren Stückzahlen hergestellt. Diese aus dem Jahr 1937 ist das kurze Einsteigermodell mit 350ccm-Zweitaktmotor – es gab die Böhmerland auch in größer und stärker…

Böhmerland, Baujahr 1937

Während des zweiten Weltkriegs wurde auch hier wie in den anderen gebeutelten Ländern Europas heimlich an Produkten für die zivile Nutzung geforscht.

Ein gewisser Herr Anderle durfte sich hier ausstoben, berichtet hatte ich bereits hier von ihm.

Janecek/Anderl Prototyp, Baujahr 1942

Direkt nach dem Krieg wollte Jawa wieder richtig loslegen, hier der Prototyp für eine 500er Rennmaschine mit 75 PS – das war damals eine Ansage!

Tatsächlich lief die Entwicklung in der Folge schleppend, man hatte doch andere Sorgen als schnelle Straßen- oder Speedwayrenner.

Jawa 500 Rennmaschine, Baujahr 1945

Benötigt wurden solide Arbeitspferde, die alles mitmachten, die Jawa 250 aus dem Jahr 1951 ist dafür ein Paradebeispiel!

Jawa 250, Baujahr 1951

Heißbegehrt sind auch heute noch die Jawa 500 OHC Typ 15/00 und Typ 15/02, rassige Zweizylinder-Viertakter mit Königswelle, gebaut zwischen 1952 und 1959.

Jawa OHC 500, Baujahr 1952 (Wikimedia Khaosaming)

Aber das stellte nun wirklich nichts dar, was in einer zur Biederkeit neigenden Diktatur für die Werktätigen essentiell notwendig war…Am erfolgreichsten wurden im Ostblock daher die  unverwüstlichen 350er Zweitakter, seit Urzeiten auf dem Markt und immer noch erhältlich!

Jawa 350, Baujahr 1958

Nach dem Krieg wurden auch im Osten Roller populär, hier eine Cezeta 501 aus dem Jahr 1959, 8 PS, 80km/h Spitze.

Cezeta, Baujahr 1959

Mit diesen 350er Vierzylinder-Rennmaschinen gelang Jawa zwar kein Weltmeistertitel, aber zwei Zweite Plätze in der WM Gesamtwertung in den 60er Jahren waren aller Achtung wert…

Jawa Rennmaschine, Baujahr 1967

Sporterfolge feierten die Jawas und CZ dann im Wesentlichen auf Speedwaytracks oder Cross-Pisten, hier blieben sie ernstzunehmende Gegner!

In der Serienproduktion sah es anders aus: Die Jawas konnte man – ähnlich wie die MZs – dann aus deutschen Warenhauskatalogen bestellen! In Deutschlands Westen waren sie Exoten, im Ostblock jedoch echt flotte Motorräder, die vor jedem Jugendclub eine gute Figur machten.

Ich bin ja ein Fan dieser kräftigen 350er Zweitakter, die oft auch mit auch mit Seitenwagen bewegt wurden…

Jawa 350 mit Seitenwagen

Es gibt heute noch eine breite Palette von Jawas, in Deutschland wird man sie jedoch kaum neu finden, beim Bestand des BKA kommt man auf einen Marktanteil von 0,2 %.

Immer wieder gab es Anläufe, die renommierten Firmen ernsthaft wiederzubeleben, im Moto-Cross machten zum Beispiel CZ und Praga eine gute Figur…

Foto Praga-Crosser

Praga-Crosser ED610 von 2002

Die tschechische Motorrad-Geschichte läuft derzeit auf Sparflamme… Aber vielleicht hat ja noch ein technikbegeisterter Tscheche die zündende Idee, das Geld und die passende Chuzpe und bringt was knackiges Neues…?

Ein Überblick über die tschechische Autogeschichte ist geplant – auch hier gibt es erstaunlich viel zu erzählen!

Für Motorrad-Interessierte noch eine Zugabe:

Im Technik-Museum in Prag gibt es noch mehr Zweiräder zu sehen… Hier einfach noch ein paar Bilder der verschiedenen anderen originellen Vorkriegskonstruktion aus der ganzen Welt:

Bekamo aus Deutschland, Neracar und Indian aus den USA, und eine meiner hochgeschätzten englischen Scotts

Neracar, Baujahr 1924
Bekamo, Baujahr 1924
Indian Four, Baujahr 1931
Scott, Baujahr 1927
 

Bildquelle:
Jawa OHC 500: Wikimedia – Khaosaming
Jawa 350: Wikimedia
Jawa 350 mit Seitenwagen: Wikimedia – Patrik Veltruský

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