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Tempolimit auf deutschen Autobahnen: Fragen und Antworten

Im Januar 2019 war es mal wieder soweit: das Tempolimit auf deutschen Autobahnen rückte in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit. Auf der einen Seite stehen die Befürworter einer Geschwindigkeitsbegrenzung. Sie argumentieren mit dem Schutz der Umwelt und weniger Verkehrstoten auf Deutschlands Straßen. Und überhaupt: Kein Mensch muss 200 km/h oder schneller fahren! Das sehen die Gegner eines generellen Tempolimits ganz anders. Freie Fahrt für freie Bürger!“ heißt es da. Es kann doch nicht sein, dass der Staat den Bundesbürgern jetzt auch noch den Spaß am Autofahren wegnimmt!

Diese Diskussion gibt es inzwischen seit mehr als 100 Jahren. So wurde beispielsweise im Februar 1910 mit der Verordnung über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen“ ein Tempolimit aufgehoben. Fortan durfte man innerorts schneller als 15 km/h fahren. Zumindest wenn das Fahrzeug weniger als 5,5 Tonnen wog. Über die Jahrzehnte kamen neue Tempolimits dazu. Beispielsweise die Begrenzung auf 50 km/h innerorts. Auch eine Richtgeschwindigkeit von 130 km/h auf Autobahnen wurde eingeführt. Nur an ein generelles Tempolimit hat sich bislang keine Regierung gewagt.

Zeit für einen Faktencheck.

Nützen Tempolimits der Umwelt?

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bezeichnete die Tempolimit-Debatte erst kürzlich als eine typisch ideologische Verbotsdiskussion aus der grünen Mottenkiste.“ Seine Kollegen aus der CSU sehen das ähnlich. Und denjenigen, die sich bei 250 km/h auf der Autobahn pudelwohl fühlen, geht bei solchen Aussagen freilich das Herz auf.

Werfen wir einen Blick auf die Fakten. Jeder, der schon einmal mit 200 km/h oder mehr unterwegs war, weiß, dass der Kraftstoffverbrauch bei steigender Geschwindigkeit exponentiell zunimmt. Dafür sorgt unter anderem der Luftwiderstand. Aus diesem Grund verbraucht etwa ein Fahrzeug der Mittelklasse bei 160 km/h bis zu 35 Prozent mehr Kraftstoff als bei 130 km/h. Dadurch erhöht sich wiederum der Ausstoß an CO2 – einem Treibhausgas, das Umwelt und Klima bekanntlich nicht zuträglich ist. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass ein Tempolimit von 130 km/h rund 1,6 Millionen Tonnen CO2 einsparen würde.

Der Ausstoß von Schadstoffen wie Kohlenmonoxid (CO), Kohlenwasserstoff (HC) und Stickstoffoxiden (NOx) wird derweil vom Katalysator geregelt und von der Geschwindigkeit nicht beeinflusst.

Verhindern Tempolimits Unfälle?

Das Team von Spiegel Online hat sich infolge der aktuellen Debatte ausführlich mit dem Zusammenhang zwischen Tempolimits und Verkehrsunfällen beschäftigt – mit zum Teil überraschenden Ergebnissen.

Tatsächlich gibt es auf Autobahnabschnitten mit Tempolimit sogar mehr Unfälle, als auf Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Grund dafür ist allerdings nicht das Tempolimit, sondern die Tatsache, dass ein solches meist nicht grundlos eingeführt wird. Dazu zählen unter anderem ein schlechter Fahrbahnzustand, kurvige oder schlecht einsehbare Streckenabschnitte oder ein hohes Verkehrsaufkommen. Laut der Analyse bergen Abschnitte mit Tempolimit somit oft per se schon ein höheres Unfallrisiko.

Was allerdings viel wichtiger ist: Auf Autobahnabschnitten mit Tempolimit gibt es zwar mehr Unfälle, aber weniger schwere Unfälle. Die Zahl der Schwerverletzten und Todesfälle fällt hier deutlich geringer aus. Die Datenanalyse kommt zu dem Ergebnis, dass sich durch ein generelles Tempolimit etwa 140 Verkehrstote jährlich vermeiden ließen.

Porsche Taycan

Woran scheitert die Diskussion um Tempolimits?

Weniger Kraftstoffverbrauch, weniger CO2-Ausstoß, weniger Verkehrstote – rein rational betrachtet, existieren ausreichend Gründe, um die Einführung eines Tempolimits zu rechtfertigen. Aus diesem Grund gibt es weltweit nur wenige Länder, die bislang keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung eingeführt haben – darunter Afghanistan, Bhutan, Burundi, Haiti und Mauretanien. Und eben Deutschland.

Das liegt in erster Linie daran, dass die bloße Erwähnung eines Tempolimits die Gefühle hochkochen lässt. In beiden Lagern. Und keiner will nachgeben. Die einen sehen ihre Freiheit gefährdet. Die anderen die Umwelt und ihre Mitmenschen. Die Positionen sind unversöhnlich. Schlägt jemand eine Kompromisslösung vor, etwa ein Tempolimit von 160 km/h, gehen die Tempolimit-Befürworter sofort auf die Barrikaden. Anstatt sich auf die Diskussion einzulassen, kommt als Gegenvorschlag, die Höchstgeschwindigkeit dann doch lieber gleich auf 120 km/h statt 130 km/h festzulegen. Das wiederum verärgert die Gegner so sehr, dass sie sich dann ebenfalls von einer Kompromisslösung abwenden. Nur eben in die andere Richtung. Ein Teufelskreis, der sich nur schwer durchbrechen lässt.

Der schwedische Autobauer Volvo wagte jüngst den Versuch – und kündigte an, dass ab 2020 alle neuen Modelle von Volvo serienmäßig auf eine Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h begrenzt sein werden. Das Ergebnis: Das eine Lager sieht sich von Volvo bevormundet. Kein Autohersteller darf einem die Freiheit nehmen, schnell zu fahren. Dem anderen Lager sind 180 km/h noch immer zu schnell. Und ohnehin ist die Ankündigung wohl nur ein geschickter PR-Schachzug der Schweden.

Ob in Deutschland jemals ein generelles Tempolimit kommt? Man weiß es nicht. Für den Moment ist die generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen aber wohl vom Tisch.

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