Kleines Mädchen auf Fahrrad am Straßenrand

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Verkehrssicherheit auf deutschen Straßen: Hintergründe und Entwicklungen

Per Definition gilt der Straßenverkehr dann als „sicher“, wenn der Transport von Personen oder Sachgütern (sogenannte Verkehrsobjekte) ohne unvertretbare Risiken und Gefahren abläuft. So weit, so gut. Wie aber lässt sich dieses Ideal in der Realität umsetzen? Auch wenn wir Unfälle nicht zu 100% vermeiden können, zeigen die Verkehrsunfallstatistiken der letzten Jahre eine eindeutige Tendenz:

  • 1970: 21.300 verkehrsbedingte Todesfälle in Ost- und Westdeutschland
  • 2018: 3.275 verkehrsbedingte Todesfälle in der Bundesrepublik.

Damit ist die Zahl der Unfalltoten um 85% gesunken, während sich die Zahl der vorhandenen Fahrzeuge um das Dreifache erhöht hat. Diese erfreuliche Entwicklung haben wir vor allem den Programmen für Verkehrssicherheit zu verdanken, mit denen die Bundesregierung seit vielen Jahren daraufhin arbeitet, das Risiko für Schul-, Arbeits- und Wegeunfälle zu verringern. Solche Maßnahmen funktionieren jedoch nur, wenn sämtliche Verkehrsteilnehmer ihre persönliche Verantwortung erkennen und dementsprechend handeln. Dieser Artikel erklärt, wie Sie im Verkehrsalltag sicher bleiben – egal ob mit dem Auto, zu Fuß oder auf dem Fahrrad.

 

Verkehrszeichen Vorsicht Kinder

 

Sicher im Straßenverkehr: Aktuelle Maßnahmen

Im Jahr 2011 veröffentlichte das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) ein neues Verkehrssicherheitsprogramm. Unter dem Motto „Jedes Unfallopfer ist eines zu viel“ legte dieses Schreiben als Hauptziel fest, die jährliche Zahl der Verkehrstoten in Deutschland bis 2020 um 40 Prozent zu senken. Insgesamt soll der Straßenverkehr nicht nur sicherer, sondern auch nachhaltiger werden. Dementsprechend enthält das Programm folgende Teilziele:

  • Eine umweltverträgliche Mobilität schaffen
  • Menschen mit eingeschränkter Mobilität zu einem möglichst hindernisfreien Transport verhelfen
  • Eine Kultur der gemeinsamen Rücksichtnahme und des verantwortungsbewussten Handelns fördern
  • Technische Innovationen der deutschen Automobilindustrie vorantreiben

In der heutigen Gesellschaft müssen Verkehrsteilnehmer viele neue Herausforderungen meistern. Hierzu gehören allen voran:

Vor allem der technische Fortschritt bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, die Verkehrsunfallbekämpfung weiter auszubauen und das Autofahren in der Zukunft sicherer zu machen. In diesem Zusammenhang liefert das Verkehrssicherheitsprogramm 2011 neben allgemeinen Bestrebungen auch konkrete Lösungsansätze. Die vorgeschlagenen Maßnahmen gliedern sich in drei Kategorien:

  • Aktionsfeld „Mensch“
  • Aktionsfeld „Infrastruktur“
  • Aktionsfeld „Fahrzeugtechnik“

Jedes dieser Aktionsfelder stellt spezifische Aspekte der Verkehrssicherheit in den Fokus, die wiederum spezifische Handlungsschritte erfordern.

 

Verkehrssicherheit für Kinder und Erwachsene 

Das Aktionsfeld „Mensch“ konzentriert sich auf das Verhalten einzelner Verkehrsteilnehmer. Dabei berücksichtigen die einzelnen Unterstützungsmaßnahmen unterschiedliche Altersgruppen ebenso wie unterschiedliche Arten der Fortbewegung. Im Hinblick auf Fahranfänger fördert das Verkehrssicherheitsprogramm Forschungsprojekte in den Bereichen:

  • Weiterentwicklung des Systems der Fahrausbildung
  • Optimierung der Probezeitregelung

Außerdem soll eine computergestützte und wissenschaftlich aufbereitete Theorieprüfung die Fahreignung grundlegend verbessern. Im Gegensatz zu Pkw-Fahrern sind Motorradfahrer dreimal mehr gefährdet, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen. Deshalb leitete das BMVI 2011 auch strengere Qualitätskontrollen für reflektierende Schutzkleidung ein, um die Sichtbarkeit von Kraftradfahrern im Straßenverkehr zu verstärken. Diese Bestrebungen zielen nicht nur auf die Sicherheit von benzinbetriebenen Motorrädern, sondern auch auf die von E-Rollern mit Elektromotor ab. Ebenso sollen Radfahrer neben der vorgeschriebenen Beleuchtung am Fahrrad zusätzlich Textilien aus Reflexmaterial verwenden. Weiterhin sind folgende Maßnahmen speziell auf sicheres Radfahren ausgerichtet:

  • Die bundesweite Kampagne „Ich trag Helm“ in Zusammenarbeit mit der Deutschen Verkehrswacht e.V. soll sämtliche Altersgruppen über die Schutzfunktion von Helmen aufklären.
  • Fahrradaktionen der Deutschen Verkehrswacht dienen dazu, Kindern und Erwachsenen ein Verantwortungsbewusstsein für sichere und umweltfreundliche Mobilität zu vermitteln.
  • Generell fordert das Programm für Verkehrssicherheit zu mehr Rücksichtnahme von und gegenüber Radfahrern auf.

Einen erheblichen Risikofaktor im Aktionsfeld „Mensch“ stellt außerdem der Konsum von Alkohol und Drogen im Straßenverkehr dar. So verursachten Rauschmittel allein im Jahr 2010 etwa 16.000 Unfälle im Bundesgebiet. Auf dieses Problem reagiert das BMVI nicht nur mit strengeren Drogenschnelltests. Zusätzlich arbeitet das BMVI darauf hin, die Fahrtauglichkeit von Verkehrsteilnehmern, die sich durch Drogeneinfluss am Steuer strafbar gemacht haben, langfristig wiederherzustellen. In diesem Zusammenhang spielen neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich der Verkehrsmedizin und Verkehrspsychologie eine zentrale Rolle.

 

Kleines Mädchen auf Fahrrad am Straßenrand

 

Durch bessere Infrastruktur mehr Sicherheit im Verkehr schaffen

Innerhalb des Aktionsfeldes „Infrastruktur“ geht es darum, ein nachhaltiges Zukunftsnetz über Autobahnen, Landstraßen und innerörtliche Verkehrswege zu schaffen, das Unfallfaktoren beseitigt und Gefahrenstellen entschärft. Hierfür stellte die Bundesregierung 2011 knapp 400 Mio. Euro zur Verfügung. Während das BMVI die Planung und den Bau neuer Straßen kontinuierlich begleitet, soll eine moderne Vernetzung die Sicherheit im Straßenverkehr stetig verbessern.  Dazu gehören folgende Maßnahmen:

  • Intelligente Verkehrssysteme (IVS) werden gemäß EU-Richtlinien auf nationaler Ebene in den Alltag integriert.
  • Kooperative Fahrassistenzsysteme interagieren aktiv mit anderen Fahrzeugen und der umliegenden Infrastruktur, um Unfälle zu vermeiden.
  • Sicherheitsrelevante Daten und Informationen werden auf digitalem Weg frei und einfach zugänglich.
  • Das BMVI wirkt an der Entwicklung eines europaweit standardisierten und automatisierten Notrufsystems (eCall) mit, um Rettungsmaßnahmen schneller und effektiver zu gestalten.

Darüber hinaus stellt das Verkehrssicherheitsprogramm insbesondere auch eine verstärkte Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung in den Vordergrund.

 

Sicherheit mit alten und neuen Technologien: von Fahrrad bis E-Scooter 

Das Aktionsfeld „Fahrzeugtechnik“ befasst sich mit der Frage, inwiefern Fahrzeuge selbst zur Verkehrssicherheit beitragen können. Hierbei unterscheidet man zwischen zwei Arten der Fahrzeugsicherheit. In einfachen Worten lassen sich diese wie folgt erklären:

  • Aktive Sicherheit heißt, den Baum nicht zu treffen.
  • Passive Sicherheit heißt, nicht verletzt zu werden, nachdem man den Baum getroffen hat.

Das Verkehrssicherheitsprogramm 2011 zielt vor allem darauf ab, die aktive Unfallprävention weiter auszubauen. Für Pkws bedeutet das konkret:

  • Fahrassistenzsysteme weiter auf dem Markt etablieren
  • Fahrassistenzsysteme stärker in die Sicherheitsprüfung von Neuwägen (EuroNCAP) miteinbeziehen
  • strengere Winterreifenpflicht für Kraftfahrzeuge aller Art ab 2010.

Überdies ruft das BMVI Motorradhersteller dazu auf, neue Modelle serienmäßig mit automatischen Blockierverhinderern (ABV) auszustatten. Ebenso fordert das Verkehrssicherheitsprogramm einen „Mindeststand der Technik“ bei Fahrrädern – egal ob es sich dabei um Kinderfahrräder, Rennräder oder Mountainbikes handelt.

Mit Blick auf eine klimafreundliche Zukunft nehmen im heutigen Straßenverkehr elektrisch betriebene Fahrzeuge einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Elektro- oder Hybridautos haben einerseits den Vorteil, dass sie weitaus weniger Lärm erzeugen als herkömmliche Brennstoffmotoren. Darin sieht das BMVI jedoch auch einen Risikofaktor: E-Fahrzeuge, die sich akustisch nicht bemerkbar machen, können in bestimmten Situationen unaufmerksame oder sehbehinderte Fußgänger und Radfahrer in Gefahr bringen. Deshalb empfiehlt das aktuelle Programm für Verkehrssicherheit, moderne Automodelle vermehrt mit intelligenten Fahrassistenten auszustatten, die Unfällen aktiv vorbeugen.

Auch strombetriebene Fahrräder müssen auf Sicherheit im öffentliche Verkehr geprüft werden. Je nach Leistungsfähigkeit gibt es hier deutliche Unterschiede zwischen E-Bikes, Pedelecs und weiteren Optionen:

  • Pedelecs (kurz für Pedal Electric Cycle) verfügen über einen Hilfsmotor, der nur dann anspringt, wenn der Fahrer selbst in die Pedale tritt. Ab einer Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h schaltet sich der Motor automatisch aus.
  • E-Bikes beschleunigen auch ganz ohne mechanische Krafteinwirkung und zählen daher im Straßenverkehr als Leichtmofas. Dementsprechend brauchen Halter eine Kfz-Versicherung, ein Kennzeichen und eine Fahrerlaubnis.
  • Elektrische Tretroller, sogenannte E-Scooter, wiegen nur etwa 10 kg und erreichen ein Tempo bis zu 20 km/h. Allerdings benötigen auch sie eine Versicherung und sind erst ab einem Mindestalter von 14 Jahren erlaubt.

In punkto Verkehrssicherheit macht die Helmpflicht den wichtigsten Unterschied aus: Während E-Biker einen Kopfschutz tragen müssen, ist dies bei Pedelecs und E-Scootern in Deutschland lediglich „dringend empfohlen“.

 

Ladestationen E-Bikes

 

Verkehrssicherheit heute: ein Zwischenfazit 

Trotz der zahlreichen Aktionen des BMVI hat sich die Zahl der Verkehrstoten 2018 im Vergleich zum Vorjahr wieder um drei Prozent erhöht. Allerdings war selbst diese Bilanz noch der drittniedrigste Stand seit 1950. Die derzeitigen Statistiken machen nochmals deutlich, dass die Verkehrssicherheitsarbeit als eine gemeinschaftliche Aufgabe zu verstehen ist. So müssen nicht nur öffentliche Institutionen wie Regierung oder Polizei für Ruhe und Ordnung auf den Straßen sorgen. Darüber hinaus weist die Straßenverkehrsordnung (StVO) in § 1 ausdrücklich auf die Verantwortung hin, die jeder Einzelne von trägt: 

  1. Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
  2. Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder, mehr als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.