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Bremswege bei Kraftfahrzeugen: Theorie und praktische Anwendung

Um Unfälle im Straßenverkehr zu vermeiden, müssen Autofahrer stets auf einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu anderen Fahrzeugen achten. So heißt es in § 4 Abs. 1 der Straßenverkehrsordnung (StVO):

Der Abstand zu einem vorausfahrenden Fahrzeug muss in der Regel so groß sein, dass auch dann hinter diesem gehalten werden kann, wenn plötzlich gebremst wird.

Dabei erläutert die StVO allerdings nicht, wie sich der jeweils notwendige Abstand bestimmen lässt. Grundsätzlich gibt es auf diese Frage auch keine Pauschalantwort. Im ersten Schritt können wir mithilfe einer mathematischen Formel den Bremsweg für verschiedene Geschwindigkeiten berechnen. Das Ergebnis ist aber nur bedingt aussagekräftig, denn im Einzelfall spielen die individuellen Gegebenheiten eine erhebliche Rolle. Was Sie beachten sollten, wenn Sie die Dauer eines Bremsvorgangs ermitteln möchten, können Sie hier nachlesen.

 

Auto fährt durch Pfütze

 

Faustformeln für den Bremsweg einfach erklärt

Wie lange es dauert, bis ein Auto völlig zum Stehen kommt, hängt nicht allein von der Bremszeit ab. Zudem müssen Sie auch berücksichtigen, wieviel Zeit vergeht, bis Sie auf ein Hindernis reagieren und tatsächlich das Bremspedal betätigen. Hieraus ergibt sich folgende Formel:

 

Bremsweg + Reaktionsweg = Anhalteweg

 

Je schneller Ihr Gehirn eingehende Informationen verarbeitet, desto kürzer fällt der Reaktionsweg aus. Das kann natürlich von Mensch zu Mensch bzw. von Situation zu Situation stark variieren. Idealerweise beläuft sich die Reaktionszeit auf etwa eine Sekunde. Dementsprechend müssen Sie für den Reaktionsweg berechnen, wie viele Meter Ihr Auto mit der jeweiligen Geschwindigkeit in einer Sekunde zurücklegt:

 

Reaktionsweg (in m) ≈ (Geschwindigkeit (in km/h) ÷ 10) x 3

 

Wenn Sie beispielsweise 50 km/h fahren, legen Sie eine Strecke von mindestens 15 m zurück, bis Sie das Bremspedal durchgetreten haben.

Als Nächstes gilt es nun, den darauffolgenden Bremsweg zu berechnen. Hierfür verwenden Sie je nach Art der Bremsung unterschiedliche Formeln:

 

  1. Normale Bremsung: Bremsweg (in m) ≈ (Geschwindigkeit ÷ 10) x (Geschwindigkeit ÷ 10)

 

  1. Voll- oder Gefahrenbremsung (= Kupplung und Bremse gleichzeitig): Bremsweg (in m) ≈ [(Geschwindigkeit ÷ 10) x (Geschwindigkeit ÷ 10)] ÷ 2

 

Eine Notbremsung nimmt demnach nur halb so viele Meter in Anspruch wie ein gewöhnlicher Haltevorgang. Für eine Geschwindigkeit von 50 km/h erhalten Sie also folgende Werte:

Normaler Bremsweg ≈ 25 m

Gefahrenbremsweg ≈ 12,5 m

Im letzten Schritt müssen Sie nur noch den errechneten Reaktions- und Bremsweg zusammenzählen, um den gesamten Anhalteweg von der Gefahrenerkennung bis zum Stillstand des Fahrzeugs zu bestimmen:

Normaler Anhalteweg bei 50 km/h ≈ 15 m + 25 m = 40 m

Gefahren-Anhalteweg bei 50km/h ≈ 15 m + 12,5 m = 27,5 m

 

Ermittlung von Bremswegen im Einzelfall

Soweit die Theorie. In der Realität gestaltet es sich jedoch weitaus schwieriger, einen voraussichtlichen Anhalteweg abzuschätzen. Schließlich müssen Sie nicht nur berücksichtigen, ob Sie mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h oder 100 km/h unterwegs sind. Vielmehr hängt der tatsächliche Bremsweg von einem komplexen Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren ab.  Hierzu gehören:

  • Witterung
  • Fahrzeugtyp
  • Beschaffenheit der Straße
  • Zustand der Reifen

Im Folgenden sehen Sie im Überblick, welche Umstände den Bremsweg gegebenenfalls verlängern können.

 

Fahrtest im Schnee

 

Bremswege bei gutem und schlechtem Wetter

Grundsätzlich gilt die Devise: Je weniger Reibung zwischen Reifen und Fahrbahn besteht, desto eher kommt Ihr Wagen ins Schlingern. Dementsprechend sollten Sie bei Nässe, Schnee und Glätte immer einen längeren Bremsweg einplanen. Besonders Aquaplaning – das „Aufschwimmen“ der Autoreifen auf einem Wasserfilm – kann schnell zur Gefahr werden. Damit die Bremswege das ganze Jahr über so gering wie möglich bleiben, müssen Autofahrer ihre Sommerreifen gegen Winterreifen tauschen, sobald das Wetter umschwenkt. Das gilt laut § 2 Abs. 3a StVO für Pkws und Lkws. Anhänger sowie Motorräder unterliegen jedoch nicht der Winterreifenpflicht. Gesetzlich spricht nichts dagegen, Winterreifen auch bei warmen Temperaturen zu verwenden. Allerdings sollten Sie beachten: Das weichere Gummi von Winterreifen kann den Bremsweg auf trockener Fahrbahn im Sommer um bis zu 16 m verlängern! Wenn Sie den lästigen Wechsel alle paar Monate trotzdem vermeiden möchten, bieten Ganzjahresreifen einen möglichen Kompromiss.

 

Bremswege mit verschiedenen Fahrzeugen 

Natürlich kommen Sie umso schneller zum Stehen, je weniger Ihre Karosserie auf die Waage bringt. Ebenso vergrößert sich der Bremsweg, wenn Sie beispielsweise einen Anhänger mitführen. Abgesehen vom Gewicht hat allerdings auch die technische Ausstattung einen beachtlichen Einfluss auf die Bremszeit. 2019 testete der ADAC verschiedene Fahrzeugarten bei einer Geschwindigkeit von 80 km/h und kam auf folgende Ergebnisse:

  • Pkw: Bremsweg = 23,2 m
  • SUV mit Anhänger: Bremsweg = 25,2 m
  • Motorrad: Bremsweg = 25,3 m
  • Lkw: Bremsweg = 36 m

Dass Motorräder überraschend schlecht abschneiden, liegt an ihrem ungünstigen Verhältnis zwischen Radstand und Schwerpunkthöhe, wodurch auch instabile Fahrzustände bis hin zum Überschlag wahrscheinlicher werden. Im Gegensatz dazu schaffen die hoch entwickelten Fahrwerke, Bremsen und Reifen von Pkws bzw. SUVs optimale Bedingungen für einen möglichst kurzen Halteweg.

 

aufgebockter Reifen

 

Weitere Einflüsse auf den Bremsweg Ihres Autos 

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Wie lange wir brauchen, um ein Auto vollständig anzuhalten, können wir niemals mit exakter Präzision vorhersehen. Nicht zuletzt kommt es im Ernstfall auch auf ihre eigene Reaktionszeit an. Denn zu den häufigsten Ursachen von Auffahrunfällen zählen unter anderem:

  • Handy am Steuer
  • Müdigkeit bis hin zu Sekundenschlaf
  • Alkohol- oder Drogeneinfluss während der Fahrt.

Neben menschlichen Fehlern können sich auch technische Defizite nachteilig auf den Bremsweg auswirken. Prüfen Sie daher regelmäßig:

  • die Profiltiefe Ihrer Autoreifen
  • den Verschleiß der Bremsscheiben
  • den Füllstand der Bremsleitungen.

Dennoch bleibt trotz aller Vorsichtsmaßnahmen immer ein gewisses Risiko bestehen. Daher sollten Sie Ihre Bremswege in der Regel immer großzügiger kalkulieren, als es eine mathematische Formel vorgibt.