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2020 Audi RS6 Avant Fahrbericht | Test | Review

Understatement war mal. Damals. Beim Audi RS6 C5. Sagt Ihnen nichts? Kein Problem! Das war der Urahn, der erste Audi A6 mit dem internen Code C5. Oftmals in dezentes Silber gehüllt, mit subtil ausgestellten Radhäusern musste man schon genauer hinsehen. Das ist beim C8, also dem aktuellen Audi RS6 anders. Understatement feiert das neue Modell nicht, dafür aber die Attitüde der eierlegenden Wollmilchsau. Kann der Ingolstädter Power-Kombi wirklich alles? Das klärt der Drive Check!

Der neue Audi RS6 im Fahrbericht

Der neue Audi RS6 im Fahrbericht

Audi RS6 Avant Design Check

Er steht da, wie ein Stealth-Bomber. Knapp fünf Meter lang, mit 2,12 m Breite richtig wuchtig und mit 1,46 m Höhe genügend flach. Wobei: Etwas flacher ginge schon, oder? Ein paar millimeterweniger Bodenfreiheit würden dem Look durchaus guttun. Mehr Breite dürfte es aber wohl kaum sein, schließlich ist der Lust-Laster acht Zentimeter breiter als sein ziviler Bruder. Und das sieht man auf den ersten Blick. Wirkte der erste RS6 des Typs C5 nahezu schüchtern, protzt der aktuelle Audi RS6 mit seiner Breite. Die Radkästen sind wuchtig ausgestellt und beherbergen optionale 22-Zoll-Felgen. Uff! Dazu gesellt sich der Radstand von 2,93 und tut sein Übriges zum bulligen Look. War der C5 ein Manuel Neuer, ist der C8 ein Tim Wiese…

Im Zusammenspiel mit den Matrix-LED-Scheinwerfern mit Laser-Fernlicht und den großen, ausladenden Lufteinlässen – die wohlgemerkt alle echt sind – schafft die Optik eines: Überholprestige! Auch, wenn dies Anfang der 2000er ein überstrapazierter Begriff in der Motor-Presse war, trifft es heute mehr denn je auf den Audi RS6 zu. Die linke Spur hat man quasi für sich allein.

Die Designmerkmale können aber auch missfallen. Zwar sind sie in RS-typisches Alu gefasst, doch kontrastiert dies hier und dort sehr stark, wenn man einen dunklen Anstrich wählt. Natürlich ist alles auch in Hochglanz-Schwarz oder in Carbon wählbar und macht den Kaufpreis noch eine ganze Hausnummer schmerzhafter – aber dazu später mehr. Was ist uns noch aufgefallen? Natürlich die doppelflutige Auspuffanlage mit ihrem bollernd-rockigen V8-Bass!

Audi RS6 Avant Innenraum Check

Willkommen in der 1st-Class-Lounge! Wer den Innenraum des Audi RS6 entert, wird mit Luxus und edlem Ambiente empfangen. Da wären etwa die Sitze in Cognac-Braun, die super-komfortabel ausfallen, gleichzeitig aber tollen Halt bieten. Die Farbe ist natürlich Geschmackssache und kann geändert werden. Das ändert aber nichts an der Verarbeitung! Die liegt nämlich – Audi-typisch – auf höchstem Niveau! Die Rautensteppung unterstreicht dies subtil. Was zur absoluten 1st-Class-Krönung fehlt, ist die Massage-Funktion; eine Sitzheizung- und Lüftung gibt es hingegen.

Luxus trifft auf Sportlichkeit!

Luxus trifft auf Sportlichkeit!

Wie es sich für ein fahraktives Auto gehört, ist das Infotainment dem Fahrer zugewendet. Wie beim normalen Audi A6 auch, ist es aber sehr Fingerabdruck-empfindlich. Schön hingegen, dass es bei Betätigung des Bildschirms ein haptisches Feedback gibt. Ob die Klimaautomatik, die ebenfalls über ein Display gesteuert wird, der Weisheit letzter Schluss ist, sei dahingestellt. Immerhin bleibt die Optik aufgeräumt.

Große Klasse ist das RS-Lenkrad, das unten abgeflacht und elektrisch verstellbar ist. Es ist darüber hinaus nicht zu dick gepolstert, sodass es schön in der Hand liegt. Versehen ist es mit verschiedenen Tasten, von denen eigentlich nur eine für den Audi RS6 wirklich wichtig ist: die RS-Mode Taste. Hier können zwei verschiedene RS Modi programmiert werden, die unter anderem Einfluss auf das Ansprechverhalten des Motors, das Fahrwerk und weitere Komponenten haben. Die Schaltwillen der Achtgang-Automatik sind zudem gut positioniert und ermöglichen jederzeit Eingriff.

Der Innenraum ist auf den Fahrer ausgerichtet!

Der Innenraum ist auf den Fahrer ausgerichtet!

Ein echtes Highlight ist – jedes Mal aufs Neue – das virtuelles Cockpit von Audi. Es bietet schöne Grafiken und zeigt das an, was man braucht – klasse! Außerdem lässt es ein Head-Up Display kaum vermissen. Betrachtet man die Mittelkonsole, vermisst man durchaus einiges: Tasten glänzen durch Abwesenheit. Immerhin gibt es noch einen echten Drehregler für die Lautstärke. Der sitzt jedoch beim Beifahrer… Wie dem auch sei, gibt es noch vereinzelte Tasten. Etwa die für die Fahrassistenten. Und sonst? Da wären zwei Cupholder, ein 12-Volt-Anschluss und die Mittelarmlehne.

Diese ist nicht nur schön breit, sondern birgt auch zwei SD Slots, USB-Anschlüsse und eine induktive Ladeschale. Besonders schön und zum clean-noblen Ambiente des Audi RS6 passend: Apple CarPlay und Android Auto funktionieren over the Air. So stört das Kabel nicht beim ambitionierten Fahren und erst recht nicht beim Musikgenuss über die grandiose Bang & Olufsen Sound-Anlage! Allein der Anblick, wenn die Hochtöner aus dem Armaturenbrett fahren…!

Apropos Anblick! Schaut man sich vom Fahrersitz aus um, wird man feststellen, dass die Rundumsicht gar nicht schlecht ausfällt. Die C- und D-Säule fallen nicht allzu breit aus – das hilft. Dennoch sei die 360-Grad-Kamera als sinnvolles Extra empfohlen, um allein die schönen 22-Zöller nicht am nächsten Randstein hinzurichten.

Kommen wir zur weiteren Praktikabilität des Audi RS6! Beim Ablagen-Check fällt auf, dass es zwar ein paar größere Ablagen gibt, von einer Vielzahl ist aber nicht zu sprechen. Da wären die Türtaschen mit Warnwesten-Fächern, die außerdem 1,5-Liter-Flaschen fassen, die genannte Smartphone-Halterung in der Mittelarmlehne oder das Handschuhfach, das nicht riesig ausfällt. Ähnlich kann man das Platzangebot hinten betiteln: Vorhanden, aber nicht riesig. Zwar suggeriert der lange Radstand tolle Platzverhältnisse, die Realität sieht aber etwas anders aus. Allein die ausladenden Vordersitze schränken das Raumgefühl stark ein. Der breite Kardantunnel tut sein Übriges. Immerhin: es gibt zwei USB-Ports und eine eigene Klimasteuerung. Der Familienvater wird die Isofix-Halterungen links und rechts schätzen.

Beim Kofferraum gibt es nur Durchschnitt. Hinter der elektrischen Heckklappe verbergen sich 565 Liter Basisvolumen, die per Umlegen der Rücksitzbank auf 1.680 Liter erweitert werden können. Umlegen kann man im Verhältnis 40:20:40, was ganz praktisch ist. Gleiches gilt für das elektrisch hochfahrende Gepäckrollo, sobald man die Heckklappe öffnet. Warum wir das Ladevolumen gering einschätzen? Ein Skoda Superb – bei weiten nicht in diesem Leistungsfeld, das ist klar – bietet wesentlich mehr Volumen (660 bis 1.950 Liter). Soll es ein Power-Kombi sein, darf der Mercedes-Benz E63 AMG als Vergleich herhalten, der 640 bis 1.820 Liter mitbringt.

Audi RS6 Avant Motoren Check

Klar, Kombi-Tugenden sind wichtig – auch beim Audi RS6. Viel wichtiger ist aber das, was unter der kantigen Haube schlummert. Und das ist ein 4.0 V8 Bi-Turbo. Unter der schönen Abdeckung warten 441 kW bzw. 600 PS darauf, entfesselt zu werden. Das maximale Drehmoment von 800 Nm liegt bei 2.050 U/min an und drückt so richtig in der Magengegend, wenn das Gaspedal gen Teppich wandert. Bum Spritsparen hilft das Mildhybrid-System, sodass man den Audi RS6 durchaus mit 12 Litern im Schnitt bewegen kann. Mit dem 73-Liter-Tank ergibt sich damit eine Reichweite von über 600 km und das ist durchaus respektabel.

4.0 Liter V8! Dick & durstig?

4.0 Liter V8! Dick & durstig?

Wer sich fragt, ob ich von allen guten Geistern verlassen wurde, weil ich bei einem solchen Lust-Laster von günstigem Verbrauch spreche? Nein, aber dieser Wert gehört nun mal dazu. Vor allem, da man ihn auch auf das nahezu Dreifache pushen kann. Dann nämlich, wenn die Achtgang-Automatik die Gänge lange hält, wenn man binnen 3,6 Sekunden auf 100 km/h spurtet, die 200 km/h-Marke in 12 Sekunden hinter sich lässt und die serienmäßige Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h verlässt und die optionalen 305km/h anpeilt. Immer mit dabei: der bollernd-betörende Sound des Achtenders. Ein V8 ist eben ein V8!

Audi RS6 Avant Fahreindruck Check

Und wie fährt sich das Ganze? Erstaunlich behände! Immerhin sprechen wir von einem 2,1-Tonnen-Koloss. Doch dank Luftfederung, Wank-Stabilisierung, Allradlenkung und Progressiv-Lenkung merkt man davon nicht allzu viel. Der permanente Allradantrieb mit selbstsperrendem Mittendifferenzial sorgt zudem in jeder Lebenslage für Vortrieb. Man ist eigentlich immer viel zu schnell.

Die Leistung lässt das Gewicht fast "verschwinden"...

Die Leistung lässt das Gewicht fast „verschwinden“…

Auch, wenn der V8 Bi-Turbo eine winzige Gedenksekunde benötigt, kommt der anschließende Vortrieb einer temporären Faltenstraffung nahe und das Kribbeln im Bauch gleicht dem einer Achterbahnfahrt. Die Agilität kennt eigentlich nur einen Schwachpunkt: Den Kurveneingang. Hier spürt man das Fahrzeuggewicht, da der Audi RS6 über die Vorderräder zum Kurvenaußenrand schiebt. Der Allradantrieb regelt das aber sauber. Und sollte es zu kritisch werden, stehen noch sämtliche elektronischen Helferlein parat. Darüber hinaus gefällt die Lenkung mit toller Rückmeldung, die Carbon-Keramik-Bremse mit einem präzisen Druckpunkt und der V8 mit dem Lied der Vernichtung. Immer wieder eine wahre Freude.

Audi RS6 Avant Preis Check

Nun, der Preis Check – ein heikles Thema. Allein der Basispreis von 117.500 Euro ist schon eine echte Ansage. Doch bei weitem nicht das letzte Wort, schließlich kommen allerhand Extras beim Testwagen zusammen. Etwa das Daytonagrau Perleffekt für 1000 Euro. Die Sitzbezüge in Cognac kosten zwar auf den ersten Blick nichts extra, die Sportsitze in Valocna-Leder mit Wabensteppung und Belüftung aber sehr wohl. 1.750 Euro kommen dafür zusammen. Die 22 Zöller gehen ebenfalls extra und kosten 2.300 Euro. Besonders happig wird es beim RS Dynamikpaket Plus für sage und schreibe 12.300 Euro! Da ist der Airbag in Farbanpassung für 250 Euro fast schon ein Schnäppchen…

Der Preis ist heiß... zu heiß für mich, aber so entstehend Traumwagen!

Der Preis ist heiß… zu heiß für mich, aber so entstehend Traumwagen!

Und es geht weiter: Das Assistenzpaket Stadt kommt auf 1.200, das Paket Tour auf 1.890 Euro. Die Phone-Box berechnen die Ingolstädter mit 500 Euro, das Pre-Sense Unfallvermeidungssystem kostet 720 Euro und das bestechende B&O-Soundsystem kommt auf happige 6.070 Euro. Es geht so weiter und weiter. Wir sprechen vom Dachhimmel in Alcantara, den HD-Matrix-LED Scheinwerfern, dem vielleicht nicht unbedingt notwendigen Head-Up Display, dem Komfortschlüssel oder dem Optik-Paket Carbon schwarz glänzend (4.650 Euro!). Am Ende steht dort eine Zahl, die manchem Eigenheim-Besitzer die Tränen in die Augen treibt: 162.435 Euro. Sie machen jetzt dicke Backen? Ich auch!

Audi RS6 Avant Zielgruppencheck und Fazit

Ich bin immer noch ein wenig in Schock-Starre ob des hohen Preises des Audi RS6. Dennoch, lassen wir diesen Umstand einmal außen vor, muss man festhalten, dass dieser Power-Kombi nahe an der Perfektion ist. Als wohlhabender Vater kommt man um den Audi RS6 derzeit kaum herum. Dieser Stealth-Bomber schafft den Spagat zwischen sportlich und komfortabel so klasse, bietet eine herausragende Verarbeitungsqualität und präziseste Spaltmaße – das ist schon der Wahnsinn. Dazu diese immense Power! Hach, wenn man doch nur Donald Tru… ähm Duck wäre! Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen, oder?

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