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Tesla Model 3 Fahrbericht | Test | Review

Was gibt es nicht an Vorurteilen, Befangenheit und Voreingenommenheit gegen Tesla-Fahrer. Yuppies, Angeber, Weltverbesserer sollen sie sein. Mag stimmen, aber das ist bei anderen Marken auch nicht anders. Und so machten wir uns – völlig neutral natürlich – auf eine Testfahrt mit dem Tesla Model 3 und fanden das Mittelklassemodell überzeugend. Sowohl die Verarbeitung, wie auch der Geräuschkomfort und der Fahrspaß passten. Die Details, gerade zu Themen wie Fahrassistenz, Infotainment und Verbrauch, klären wir im R+V24 Drive Check.

Tesla Model 3 in rot, Seitenansicht

Tesla Model 3 Fahrbericht

Tesla Model 3 Design Check

Wir fahren das Standard-Modell, die so genannte Basis. Und die ist, genau wie alle anderen Tesla Model 3 exakt 4,69 m lang, mit Außenspiegeln 2,10 m breit und 1,44 hoch. Und man muss gestehen: das „Red Multi-Coat“ steht der Mittelklasse-Limousine hervorragend. Über die fließenden Formen und die generelle Optik kann man streiten, schließlich sind Geschmäcker unterschiedlich. Extravagant oder gar wie ein Ufo sieht das Einstiegsmodell aber nicht aus. Das dichtete man Fahrzeugen mit alternativen Antrieben gerne mal an.

Da beim Amerikaner LED-Scheinwerfer mit Fernlichtassistent an der Front montiert sind und sich in den Radhäusern schicke 19-Zoll-Felgen drehen, darf man anerkennen, dass dies den Zahn der Zeit trifft. Am glattflächigen Fließheck verzichten die Amerikaner natürlich nicht auf LED-Rückleuchten. Verzicht wurde – aus optischen, wie aerodynamischen Gesichtspunkten – aber bei den Türgriffen geübt. Das Tesla Model 3 fährt mit eingelassenen Türgriffen vor, die zwar cool aussehen, aber nicht besonders praktisch sind. Cool – von der Praktikabilität einmal abgesehen – ist der Umstand, dass sich das Model 3 über das Smartphone öffnen, schließen und sogar vorklimatisieren lässt. Letzteres ist nicht nur im Sommer äußerst angenehm, sondern auch im Winter, wenn man einen bereits vorgewärmten Innenraum entert.

Apropos einsteigen: Das geht natürlich ganz einfach per Keyless-System – die Schlüsselkarte kann in der Hosentasche bleiben. Oder man nutzt das Smartphone. Wenn man sich schließlich vom Fahrzeug entfernt, verriegelt sich das Tesla Model 3 von selbst. Und wenn die Türen und Klappen einmal geschlossen sind, kann man den Blick auf die Spaltmaße werfen. Tesla eilt ja der nicht unbedingt gute Ruf nach, dass die Verarbeitungsqualität nicht besonders hoch sein soll. Unserem Tesla Model 3 kann man nichts ankreiden – alles in bester Ordnung.

Tesla Model 3 Innenraum Check

Und innen? Hier gibt es Klavierlack-Oberflächen, die nach ein paar Tausend Kilometern natürlich etwas verkratzt sind. Ansonsten geht die Verarbeitungsqualität aber auch innen in Ordnung. Eine Sache wollen wir dann aber doch nicht unter den Tisch fallen lassen: Bei der Handwäsche drang Feuchtigkeit in den Innenraum. Wohl ein Umstand, der den rahmenlosen Türen geschuldet ist. Wir passen beim nächsten Mal einfach besser auf.

Tesla Model 3 Innenraum

Für Umsteiger eine Umgewöhnung!

Was den Insassen auf keinen Fall entgeht, ist das mittige Display – es zieht sofort alle Blicke auf sich. Das 15-Zoll-Format ist durchaus ungewöhnlich, wenn man andere Fahrzeuge als Maßstab nimmt. Der Knaller: Das gesamte Fahrzeug wird darüber bedient. Ein klassisches Kombiinstrument gibt es nicht. Das hat natürlich den Effekt, dass das Display etwas ablenkt. Und sonderlich selbsterklärend ist die Bedienung auch nicht – vor allem für Umsteiger. Nerds werden es hingegen lieben und sich über die Klarheit, den Fortschritt und Minimalismus freuen. Klar, es gibt kaum Tasten, sodass das Cockpit super-clean wirkt. Ein paar Direktwahltasten hätten hier und da aber nicht geschadet. Warum man beispielsweise das Scheibenwischer-Intervall über ein Untermenü über den Touchscreen steuern muss? Selbst das große Handschuhfach wird über das Display geöffnet.

Um sich die Wartezeit an einer Ladesäule etwas zu vertreiben, lädt das Infotainment ebenfalls ein, da es die ganze Klaviatur an Entertainment bietet. So kann man sogar ein Autorennspiel zocken, das über das Lenkrad gesteuert wird. Für Außenstehende sieht das aber etwas irritierend aus, da sich die Räder mitbewegen. Es soll romantisch werden? Kein Problem, einfach das „Kaminfeuer“ auf dem Display einstellen. Dazu wird die Lüftung automatisch auf warm gestellt. Da kann man den Pulli dann ganz schnell loswerden, weil es ja ganz plötzlich soooo heiß geworden ist…
Daneben stehen Angebote wie Karaoke, Netflix, Youtube, Twitch, Spotify oder ganz einfach das World Wide Web parat. Elemente, die man nicht zwingend braucht, aber irgendwie doch vermisst. Selbst so unsinnige Funktionen, wie ein Blinkergeräusch, das Darmwinde imitiert oder das virtuelle Furzkissen, das man auf die Sitzbelegungserkennung legen kann. Das Display zeigt aber natürlich auch alle wichtigen Funktionen an, wie Ladezeiten, Akkustand, Reichweite usw. Und das in allen Details – das kann nicht jeder Hersteller. Die Wenigsten sogar.

Abgesehen vom Infotainment bietet das Tesla Model 3 vorn ausreichend Platz, eine gute Sitzposition sowie ein weitläufig einstellbares Lenkrad. Die beiden Drehrädchen auf den Lenkradspeichen dienen seiner Verstellung, nicht etwa der Justierung des Infotainments. Die Außenspiegel werden ebenfalls über das Lenkrad eingestellt, wenn man vorher über das Infotainment das entsprechende Menü angewählt hat.

Tesla 3 Blick unter die Motorhaube

Der Tesla 3 verfügt über einen FRUNK, einem Front-Trunk!

Hinten wird es etwas enger als vorn, das Glasdach schafft aber das Gefühl eines größeren Raums. Zwei Erwachsene sitzen bis 1,85m Körpergröße bequem. Etwas enttäuscht hat der Kofferraum, der natürlich elektrisch öffnet. Den Wochenendeinkauf verkraften die 385 Liter Basis-Volumen natürlich. Dennoch liegt das Ladeabteil eher auf Kompakt-, denn auf Mittelklasseniveau. Dazu gibt es nur eine kleine Ladeluke mit schlechtem Zugang. Dafür kann das Tesla Model 3 Anhänger mit maximal 1.000 kg Anhängelast ziehen. Für Kleinigkeiten steht ein zweites Ladabteil vorn, unter der „Motorhaube“ bereit. Mit 56 Litern ist es aber wirklich eher für Jacken oder ähnliches gedacht.

Der Kofferraum muss sich auch nicht verstecken!

Der Kofferraum muss sich auch nicht verstecken!

Gefehlt haben uns – trotz des überbordenden Infotainmentsystems – aber doch ein paar Sachen. Bei all der Technik und Technologie: Warum gibt es kein Head-Up Display? Außerdem hätten wir gerne einen Wischerhebel mit Intervall. In Kalifornien vielleicht überflüssig, bei uns aber notwendig. Und wenn wir schon dabei sind: Bitte noch eine Fahrmodus-Direktwahltaste einbauen.

Tesla Model 3 Antriebs Check

Fahrmodus? Ja genau! Es gibt verschiedene Fahrmodi, die wir uns aber erst im nächsten Kapitel ansehen. Im Antriebscheck sehen wir uns die technischen Daten der Standard-Variante an. Das Einstiegsmodell kommt bereits recht kräftig vorgefahren und leitet 225 kW/306 PS. Die Leistung wird ausschließlich an die Hinterräder geleitet.

Gespeichert wird der benötigte Strom in einer 53 kWh Batterie, sodass rein theoretisch 430 km Reichweite zur Verfügung stehen. Wenn man das Beschleunigungspotenzial des Stromers ausnutzt – immerhin 5,6 Sekunden auf 100 km/h – bleibt von der Reichweite natürlich nicht mehr viel übrig. Es gilt, genau wie bei Verbrennern: Je mehr Gas man gibt, desto schneller ist die Batterie auch wieder leer. Deshalb ist die Dauerleistung des Tesla Model 3 auch mit 100 kW/136 PS angegeben.

Der Antrieb überzeugt genauso wie die Ladefähigkeit!

Der Antrieb überzeugt genauso wie die Ladefähigkeit!

Dennoch: Ein langsames Auto ist der Amerikaner nicht, schafft eine Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h. Diese lässt sich obendrein zügig erreichen. Selbst das Leergewicht von 1.625 kg entspricht eigentlich normalem Mittelklasseniveau. Und so geht der Verbrauch von 15-22 kWh auf 100 km – je nach Fahrweise – völlig in Ordnung. Damit sind über 300 km Reichweite Standard.

Tesla Model 3 Fahreindruck Check

Und wie fühlt es sich nun an, wenn man das Fahrpedal komplett durchdrück? Sagen wir es so: Wer ein temporäres Gesichtslifting anstrebt, der bekommt es hier geboten – selbst beim Einstiegsmodell. Es steht also grundsätzlich immer genügend Leistung bereit und Überholvorgänge müssen nicht gescheut werden.

Das geräuschlose Fahren ist allerdings ein gewisser Mythos: Bei hohen Tempi dominieren Wind- und Abrollgeräusche, wie man sie von Verbrennern kennt. Eher von Super-Sportlern bekannt ist hingegen, dass der Unterboden fast komplett geschlossen ist und Elemente, wie eine Abgasanlage natürlich fehlen. Unter dem Strich werden störende Verwirbelungen also minimiert.

Tesla Model 3 im R+V24 Drive Check

Tesla Model 3 im R+V24 Drive Check

Zusätzlich gilt, dass die Vorteile des E-Antriebs vorwiegend in der Stadt zu generieren sind, sich das Tesla Model 3 aber auch auf kurvigen Landstraßen nicht verstecken muss. Ganz im Gegenteil: Der Ami macht richtig Spaß, gibt sich agil und handlich. Der niedrige Schwerpunkt aufgrund der zwischen den Achsen – im Unterboden – verbauten Batterie tut der Fahrdynamik gut. Auch das Fahrwerk zeigt sich gut abgestimmte, während die Lenkung durchaus etwas mehr Rückmeldung vertragen könnte. Sie ist in drei Modi einstellbar: Komfort, Normal und Sport stehen bereit. Richtig zackig ist aber keiner davon.

Auch der Antritt ist in zwei Modi einstellbar, hört auf „lässig“ oder „normal“. Darüber hinaus kann man die Rekuperation zweistufig einstellen und das sogenannte One-Pedal-Driving praktizieren. Sprich: Das Tesla Model 3 rekuperiert so stark, dass man die Bremsen eigentlich nicht braucht. Dennoch sind sie über jeden Zweifel erhaben, wirken standfest.

Etwas gewundert haben wir uns über die Regelqualität der Assistenten – trotz zahlreicher Sensoren und Kameras ist sie nicht immer optimal. Gerade was die Verkehrsschilderkennung und den Spurhalteassistenten anbelangt. Übrigens kommen alle Tesla Model 3 immer vollausgestattet, man bekommt die Ausstattung aber nur, wenn man das entsprechende Upgrade per Smartphone freischaltet. So kann man ein Assistenzpaket und eine beheizte Rücksitzbank aktivieren lassen. Schon seltsam, wenn man bedenkt, dass alles da ist, man aber ohne Freischaltung keinen Zugriff hat.

Tesla Model 3 Preis Check

Elektroautos sind ja richtig teuer… sagt die Legende. Tatsächlich startet das Tesla Model 3 bei 42.900 Euro. Optional stehen fünf Farben und 18- oder 19-Zoll-Felgen bereit. Die Upgrades kann man – wie oben bereits erwähnt – auch nachträglich freischalten. Beim Kauf wichtig: Die Anhängerkupplung kann man nicht einfach freischalten, die sollte man direkt dazu bestellen. Und so bekommt man einen Tesla nach einer Lieferzeit von drei bis vier Monaten für rund 48.640 Euro mit Vollausstattung (einschließlich 3.000 Euro Netto-Rabatt). Die staatliche Förderung für E-Fahrzeuge kommt noch dazu. Natürlich:

Das alles ist kein Schnäppchen. Aber so unfassbar teuer, wie erwartet, ist das Preisniveau nun auch nicht.

Blick in den Innenraum mit hochglänzenden Teilen

Beim nächsten Facelift entfallen die hochglänzenden Teile im Innenraum!

Tesla Model 3 Zielgruppencheck und Fazit

Freaks, Yuppies, Spinner? Nein! Fahrer eines Tesla Model 3 sind all das sicher nicht. Sie mögen vielleicht „Early-Adopters“ sein, sind aber auf einen Zug aufgesprungen, der in die Zukunft fährt. Die deutschen Hersteller sind ebenfalls in dieser Richtung unterwegs, aber ob sie den Vorsprung von Tesla in Sachen Antrieb wirklich aufholen können? Fernab davon ist das Tesla Model 3 ein knack-modernes Mittelklasse-Fahrzeug, das etwas praktischer und – vor allem beim Laderaum – etwas geräumiger sein könnte. Das sind aber Umstände, die man bei der nächsten Generation ändern kann, da sie ja schließlich kein „Hexenwerk“ sind. Prädikat: Drive Check bestanden!

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